Gesundheit

Eine überfällige Idee zur Zukunft der Krankenkassen

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Die Bertelsmann-Stiftung hat Vorschläge zur Zukunft von privater und gesetzlicher Krankenversicherung gemacht. Die üblichen Verdächtigen reagierten mit ritualisiertem Bashing. Was ist davon zu halten?

Zum Wochenbeginn schaffte es die Bertelsmann-Stiftung mal wieder in die Schlagzeilen. Eigentlich ist die Erkenntnis trivial, dass die Beiträge zur Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) sinken, wenn auch die Privatversicherten dort einzahlen würden. Einen Aufschrei verursachte diese Meldung aber bei den üblichen Verdächtigen aus Beamtenbund, privater Versicherungswirtschaft und niedergelassener Ärzteschaft.

Deren oberster Vertreter Andreas Gassen, Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), war sich nicht zu schade, die so alte wie unsinnige Forderung wiederzukäuen, man müsse "das Beste aus zwei Welten zusammenzuführen". Nun gibt es aber sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, was "gut" oder gar "das Beste" der Teilsysteme ist. Und dummerweise schließen sich grundlegende Funktionsweisen von GKV und PKV aus. Die Erhebung der Gelder für die Krankenversorgung lässt sich eben nur einkommensabhängig und risikounabhängig wie in der GKV oder risikoabhängig und einkommensunabhängig wie in der PKV organisieren. Der einzige Kompromiss, die Erhebung von Kopfpauschalen wie in der Schweiz, wäre weder "das Beste" des einen noch des anderen Systems.

Bei der Honorierung medizinischer Leistungen, dem einzigen Interesse der lauthals protestierenden Ärzteschaft, sieht es nicht viel anders aus. Die Bezahlung erfolgt entweder nach dem Sachleistungs- oder dem Kostenerstattungsprinzip. Das ist unabhängig von der Versicherungsart: Die GKV in Frankreich und Belgien erstattet die Kosten, die deutsche PKV rechnet teilweise direkt mit Krankenhäusern ab. Wo also ist "das Beste aus beiden Systemen"?

Wenig Beachtung im ritualisierten Bashing fand der längst überfällige Vorschlag, alle Versicherungsanbieter am Risikostrukturausgleich zu beteiligen. Dabei erfolgt eine Umverteilung zu Gunsten der Kassen mit vielen Risikopatienten - also chronisch Kranken und Geringverdienern. Das würde den arg schiefen Wettbewerb zwischen GKV und PKV etwas begradigen. Denn spätestens seit Einführung der allgemeinen Versicherungspflicht im Jahr 2009 sind auch PKV-Beiträge "Zwangsabgaben" und somit öffentliche Mittel. Die Tatsache, dass die Verwaltung dieser Gelder durch private Unternehmen erfolgt, ändert daran nichts. Ein kassenartübergreifender Risikostrukturausgleich ist geboten und gut zu begründen.

Der Autor ist Facharzt für Innere Medizin, gesundheitspolitischer Berater und hat eine Professur für Global Health an der Hochschule Fulda.

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