Das Effizienzprinzip in den Kliniken wurde in der Pandemie-Krise lebensbedrohlich.
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Das Effizienzprinzip in den Kliniken wurde in der Pandemie-Krise lebensbedrohlich.

VWL

Reformen in den Hörsälen gefordert

  • vonTabea Seeßelberg
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Nur wenn Studierende zukunftsfähige Wirtschafts- und Wohlstandskonzepte kennenlernen, können sie später als Ökonominnen und Ökonomen zur Lösung komplexer sozial-ökologischer Krisen beitragen

Angenommen, Sie brauchen einen neuen Laptop und müssen sich für ein Betriebssystem entscheiden. Wählen Sie eines, das inkompatibel zu den meisten Anwendungen ist? Die Ökonomik als gigantischer App-Store der Wissenschaft umfasst eine riesige Auswahl an Methoden und Theorien, die es erlauben, verschiedene Aspekte des komplexen Wirtschaftssystems zu verstehen. Viele dieser Anwendungen sind jedoch nicht vereinbar mit der Neoklassischen Schule – dem vorherrschenden Betriebssystem der gegenwärtig gelehrten VWL.

In welchem Denkrahmen Ökonom*innen ausgebildet werden, ist von gesellschaftlicher Relevanz dafür, ob und wie globale Probleme wie Klimakrise oder Pandemien bewältigt werden können. Durch die Monopolstellung des neoklassischen Betriebssystems an den meisten Hochschulen stehen den Studierenden jedoch nur begrenzte Lösungsmöglichkeiten zur Verfügung.

Der Quellcode des neoklassischen Betriebssystems weist zudem erhebliche Schwachstellen auf. In der Coronakrise zeigt sich dies auf dramatische Weise. Das Effizienzprinzip, welches auch im Gesundheitssektor durch Einsparungen, etwa hohe Rendite für Anteilseigner*innen börsennotierter Konzerne bescherte, wurde in der Krise lebensbedrohlich.

Was in der neoklassischen Lehrbuchliteratur als „gewinnmaximal“ und ohne Rücksicht auf mögliche Nebenwirkungen als erstrebenswert gilt, erwies sich in den letzten Monaten als Fallstrick – besonders für benachteiligte Menschen. Die Schaffung von Resilienz und gesellschaftliche Vorsorge jenseits individueller Nutzenmaximierung sind den neoklassischen Algorithmen nicht bekannt. Auch die Bedeutung überlebensnotwendiger aber un(ter)bezahlter Care-Arbeit bildet keinen Bestandteil des vorherrschenden ökonomischen Denkens.

Die Initiative „Economists for Future“ fordert angesichts dieser Lücken in einem offenen Brief umfassende Reformen in den Hörsälen statt eines „business as usual“. Ab dem Wintersemester sollen vielfältige, an realen Problemen orientierte Theorien und Methoden gelehrt werden. Nur wenn Studierende zukunftsfähige Wirtschafts- und Wohlstandskonzepte kennenlernen, können sie später als Ökonom*innen zur Lösung komplexer sozial-ökologischer Krisen beitragen. Der Aufruf wird von zahlreichen Institutionen unterstützt und enthält eine umfassende Sammlung frei zugänglicher und alternativer Lernmaterialien.

Tabea Seeßelberg, Autorin dieser Kolumne aus der Reihe „Gastwirtschaft“, ist Mitglied im Netzwerk Plurale Ökonomik e.V.

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