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Raus aus der Schublade

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Von: Boris Grundl

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Einen Fremden kennengelernt und schon in eine Schublade einsortiert?
Einen Fremden kennengelernt und schon in eine Schublade einsortiert? © Imago

Wie Sie andere wahrnehmen, ohne zu urteilen. Die Kolumne „Gastwirtschaft“.

Wer in einer Langzeitbeziehung lebt, weiß, wie schwer es ist, den Partner einfach sein zu lassen. Immer wieder fangen wir an, über ihn oder sie zu urteilen. Dabei weiß doch jeder, dass man Menschen nicht in Schubladen stecken soll. Leider reicht intellektuelle Einsicht nicht. Unser Unterbewusstsein urteilt so schnell, dass uns die Ohren schlackern. Die Königsdisziplin ist daher, andere wahrzunehmen, ohne deren Auftreten, Denken oder Handeln mit den eigenen Meinungen, Erfahrungen oder Wünschen abzugleichen.

Mentale Schubfächer sind ja grundsätzlich nichts Schlechtes. Sie geben uns Orientierung. Den Unterschied macht deren Ausarbeitung. Die Qualität des inneren Wandschranks lässt sich verbessern, indem wir unsere mentale Differenzierungsfähigkeit entwickeln. Dabei hilft die Unterscheidung dreier Zustände: Verurteilen, Beurteilen und Bewerten.

Unser Stand-by-Modus steht auf Verurteilen. Permanent prasseln Reize auf uns ein. Blitzschnell gleicht unser Gehirn Unbekanntes mit Bekanntem ab. Während wir durch eine fremde Stadt fahren, bietet unser System uns innerlich immer wieder Bilder von ähnlichen, vertrauten Straßenzügen an. Damit wir uns sicher fühlen. Nicht selten führt zu viel Neues zu Ablehnung, weil es mit unseren eingespielten Mustern kollidiert.

Beim Beurteilen nutzen wir andere Schubfächern. Hier lehnen Menschen sich in die Zuschauerrolle zurück: Gefällt mir, was ich sehe? Ja? Nein? Daumen hoch oder runter? Gleichzeitig suchen Beurteilende Bestätigung und gute Gefühle. Sie wollen unterhalten, motiviert und überzeugt werden. Solch eine Haltung provoziert in Unternehmen jeden Tag unzählige, völlig unnötige Probleme. Zudem blockiert sie Veränderung.

Kluges Bewerten hingegen kann Türen öffnen – wenn wir den Wert einer Sache erkennen. Das gelingt nur mit Kompetenz. Wer wenig Ahnung von Immobilien hat, kann deren Qualität nicht einschätzen. Fehlt IT-Expertise, lassen sich digitale Probleme nur grob definieren. Und ohne Führungskompetenz kratzen Manager lediglich an der Oberfläche.

Den eigenen Zustand zu erkennen, lässt sich trainieren. Versuchen Sie mal, durch die Stadt zu laufen, ohne den Leuten einen Stempel aufzudrücken. Egal, ob sie dick oder dünn, gepflegt oder ungepflegt sind. Jedes Mal, wenn Sie sich über- oder unterlegen fühlen, urteilen Sie. Wer das bemerkt, lernt sich selbst besser kennen.

Der Autor ist Führungskräfte-entwickler mit eigener Akademie und Vortragsredner.

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