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Ihre Wichtigkeit ist in der Corona-Pandemie deutlich geworden - deshalb sollen Gesundheitsämter nun finanziell und strukturell gestärkt werden.

Gastwirtschaft

Plötzlich wieder gefragt

  • Jens Holst
    vonJens Holst
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Gesundheitsdienste müssen nachhaltig gestärkt werden.

Im Zuge der Covid-19-Krise haben Bund und Länder beschlossen, den Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) strukturell und finanziell zu stärken. Insgesamt vier Milliarden Euro wollen sie zusätzlich in die bessere personelle, technische und digitale Ausstattung der Gesundheitsämter stecken. Nach jahrelanger staatlicher Rotstiftpolitik und systematischer Vernachlässigung öffentlicher Aufgaben und Einrichtungen hat der ÖGD dies auch bitter nötig, um sein Nischendasein zu überwinden und seine Aufgaben tatsächlich erfüllen zu können.

Viel beeindruckender als Tuberkuloseausbrüche oder Bedrohungen durch Schweinegrippe und Ebola hat Covid-19 die Bedeutung der öffentlichen Gesundheit in das Bewusstsein der politischen Öffentlichkeit gerückt. Nicht nur die Bundesoberbehörde, das Robert-Koch-Institut, das in der Berichterstattung und bei Verhaltensvorgaben eine führende Rolle spielt, sondern auch die regionalen und lokalen Gesundheitsämter sind im Zuge der Corona-Pandemie plötzlich wieder gefragt. Dem stark gestiegenen Bedarf sind sie kaum mehr gewachsen. Jahrelange Kürzungen haben zum anhaltenden Verlust an Fachkräften in den Gesundheitsämtern beigetragen, die bereits vor Covid-19 ihren traditionellen Aufgaben kaum noch nachkommen konnten.

Denn neben Routineüberwachung und -untersuchungen, der Umsetzung des Infektionsschutzgesetzes und der Kontrolle akuter Tuberkulose- oder anderer Infektionsausbrüche ist der ÖGD auch für die Daseinsfür- und -vorsorge zuständig.

In Deutschland gibt es immer mehr Menschen, die nicht aus eigener Kraft in der Lage sind, für ihre Gesundheit zu sorgen. Für sie hält das zunehmend kommerzialisierte Gesundheitswesen immer weniger Angebote bereit. Soziale Krankenversicherung und Krankenversorgung entwickeln sich zusehends von einer gesellschaftlichen Infrastrukturaufgabe zu einem Geschäftsmodell.

Covid-19 hat nun eindrücklich gezeigt, wie gefährlich es ist, wenn sich der Staat aus öffentlichen Aufgaben zurückzieht und gesellschaftliche Risiken sowie die entsprechenden Kosten dem Einzelnen aufbürdet. Die Stärkung des ÖGD war überfällig. Sie muss aber über die Covid-19-Krise hinausreichen, um gesundheitliche Folgen der wachsenden sozialen Ungleichheit abzufedern.

Jens Holst ist Facharzt für Innere Medizin und hat eine Professur für Global Health an der Hochschule Fulda.

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