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Hat tatsächlich der ehemalige EZB-Chef Mario Draghi (hier mit seiner Nachfolgerin Christina Lagarde) den Nullzins in die Welt gebracht? Ökonomen sind sich uneins.

Ökonomie und Klima

Das Paradox des Nullzinses

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Die ökonomische Theorie braucht einen Neuanfang. Die Kolumne „Gastwirtschaft“.

Von den Jüngeren weiß heute kaum noch jemand, dass in den 70er Jahren Bauzinsen über sieben Prozent lagen. Da alle Stufen der Wertschöpfungskette durch Kredite finanziert werden, addierten sich etwa in den Energiepreisen die Zinsen für den Bau von Stadtwerken, Strommasten, Pipelines, Förderanlagen, Tiefbaufirmen, Röhrenwerken, Erzbergwerken und Transportschiffen. Am Ende betrug der „Zins im Preis“ bis zu 70 Prozent. Daraus entstanden auf der anderen Seite Milliarden Habenzinsen für reiche Kreditgeber. Das waren zur einen Hälfte Sammelanleger wie Aktien- und Pensionsfonds, zur anderen Hälfte Milliardäre. Beim heutigen Nullzins müssten die Preise eigentlich um diese 70 Prozent sinken, wenn auch aufgrund alter Verträge nur langsam. Tun sie aber nicht.

Günther Moewes.

Damals hatte sich eine internationale Bewegung von Zinsgegnern gebildet, eine frühe NGO. Sie berief sich unter anderem auf Silvio Gesell und seine „natürliche Wirtschaftsordnung“ sowie auf das „Wunder von Wörgl“ in Tirol. Dort hatte der Bürgermeister 1932 die Gemeinde mit Nullzinsen und eigener Nebenwährung ohne Arbeitslosigkeit durch die Weltwirtschaftskrise gebracht. Unbestrittener Doyen der Zinsgegner war Helmut Creutz mit seinem Buch „Das Geldsyndrom“. Er schrieb 2015 mit 92 Jahren an dieser Stelle noch erste Gastwirtschafts-Kolumnen. Die Mainstream-Ökonomie tat die Zinsgegner als skurrile Sekte ab. Hätte damals jemand prophezeit, dass sich die Forderung der Zinsgegner eines Tages weltweit gegen den Mainstream durchsetzen würde – die Ökonomen hätten ihn für verrückt erklärt.

Gastwirtschaft

Unsere tägliche Kolumne von Gastautorinnen und Gastautoren im Wirtschaftsteil. Heute: Günther Moewes, emeritierter Professor für Industrialisierung und Wachstumskritiker. Er beschrieb die damalige Zinsproblematik 2004 in seinem Buch „Geld oder Leben“.

Heute spekulieren Ökonomen, ob der Nullzins von Draghi kam, oder durch globalen Potenzialrückgang. Tatsächlich stecken im Zins gegenläufige Kräfte und Paradoxien: In Entwicklungsländern begünstigen niedrige Zinsen zwar die Kreditaufnahme armer einheimischer Unternehmen, schrecken aber gleichzeitig kapitalkräftige ausländische Investoren ab. Der Zins müsste deshalb wieder entglobalisiert und nach Reichtum der Kreditnehmer differenziert werden.

Hinter dem Nullzins-Gedanken standen meist Wachstumsbestrebungen. Mit neueren Erkenntnissen über Natur und Klima sind sie nicht kompatibel. Fazit: Alle ökonomische Theorie bedarf eines grundsätzlichen Neuanfangs.

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