Verdi-Aktivist bei einer Demonstration der Klimaschützer von „Fridays for Future“ in Berlin.
+
Verdi-Aktivist bei einer Demonstration der Klimaschützer von „Fridays for Future“ in Berlin.

Gastwirtschaft

Originelles Bündnis

  • Wolfgang Kessler
    vonWolfgang Kessler
    schließen

Klimaschützer unterstützen Gewerkschaftskampagne.

Auf den ersten Blick erscheint der Beschluss von Fridays for Future nicht weiter bemerkenswert: Die junge Klimabewegung unterstützt die Tarifkampagne der Gewerkschaft Verdi für bessere Arbeitsbedingungen im öffentlichen Nahverkehr. Beide Seiten kämpfen nun gemeinsam für eine Verkehrswende und für mehr Klimaschutz. Dafür sind bessere Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten unerlässlich.

Bemerkenswert ist die gemeinsame Kampagne dennoch. Denn Gewerkschaften und Klimabewegung sind sich oft nicht grün. Zwar kaschieren sie ihre Gegensätze häufig durch allgemeine Forderungen wie jene nach einem „sozialen und ökologischen Umbau“. Doch hinter den Kulissen brechen dann doch Recht schnell Konflikte auf.

So fordern entschiedene Klimaschützer einen möglichst schnellen Kohleausstieg, die Arbeitsplätze sind für sie eher zweitrangig. In vielen Bereichen treten sie für ein Weniger ein: Die Menschen sollen weniger fliegen, weniger Auto fahren, weniger und bewusster einkaufen – die sozialen Folgen werden oft nicht mitdiskutiert.

Trotz anderer Rhetorik sind Umwelt und Klima für Gewerkschaften oft zweitrangig. So verteidigte die IG Metall bis zuletzt Verbrennungsmotoren, ja sogar den Diesel – gegen Umwelt- und Klimaschutz. Für sie galt: Hauptsache Arbeitsplätze sichern – die erheblich von den aufwendig herzustellenden Benzin- und Dieselaggregaten abhängen. Die Gewerkschaften befeuern mit Lohnsteigerungen Massenproduktion und Massenkonsum, auch wenn beides nicht nachhaltig ist. Die Forderung nach weniger Wirtschaftswachstum ist für viele Gewerkschafter schwer erträglich.

Eine gemeinsame Kampagne, die eine ökologische Verkehrswende mit besseren Arbeitsbedingungen und höheren Löhnen für die Beschäftigten verbindet, könnte das Verständnis der beiden Bewegungen füreinander stärken. Denn klar ist: Eine Industriegesellschaft, die weiterhin auf energieintensiver Massenproduktion und verschwenderischem Konsum beruht, wird die klimapolitischen Herausforderungen nicht meistern. Umgekehrt wird eine Klimapolitik scheitern, die den Lebensstandard vieler Arbeitnehmer bedroht.

Erst wenn grüne Bewegungen auch sozial denken und die Arbeiterbewegung auch grün, wird die Gesellschaft zukunftsfähig.

Wolfgang Kessler, der Autor dieser Kolumne aus unserer Reihe „Gastwirtschaft“, ist Wirtschaftspublizist. Er ist Autor des Buches „Die Kunst den Kapitalismus zu verändern.“ Erschienen im Publik-Forum Verlag.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare