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Es wäre paradox, wenn gerade Unternehmen in einem Klima der Macht-Renaissance basisdemokratische Idyllen wären, meint Matthias Kolbusa.

Macht und Verantwortung

Ist es okay, Chefin oder Chef zu sein?

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Es ist momentan en vogue, Managerinnen und Manager an den Pranger zu stellen. Dabei wäre es paradox, wenn Unternehmen basisdemokratische Idyllen wären. Die Kolumne „Gastwirtschaft“.

„Muss ich mich neuerdings schämen, Chefin oder Chef zu sein?“ Diese Frage mag manchen durch den Kopf schießen, wenn sie in der Wirtschaftsecke seiner Buchhandlung stöbern. Von allen Dächern pfeift es, dass Chef*innen fossile Relikte und Hierarchien absolutistische Institutionen seien. Verschreckt fragt man sich: Ist Macht noch okay in einer Zeit, in der angeblich alle selbstorganisiert arbeiten wollen?

In der Unternehmensrealität sieht das ganz anders aus. Natürlich wollen die Menschen ihren Qualifikationen gemäß zu Wort kommen und aktiver mitgestalten als früher. Dass Organisationen eine Führungsstruktur brauchen, bestreitet aber kaum einer. Wie auch in einer Welt, in der die Macht überall auf dem Vormarsch ist? Es wäre doch paradox, wenn gerade Unternehmen in einem Klima der Macht-Renaissance basisdemokratische Idyllen wären.

Gastwirtschaft

Unsere tägliche Kolumne von Gastautorinnen und Gastautoren im Wirtschaftsteil. Heute: Matthias Kolbusa, Unternehmer sowie Veränderungsexperte. Zuletzt erschien von ihm „Konsequenz! Management ohne Kompromisse – Führen mit Klarheit und Aufrichtigkeit“ (Ariston-Verlag).

Eine Analyse des aktuellen Management-Hypes zeigt dann auch, dass es bei der Neuverteilung der Macht mehr ums Sollen als ums Wollen geht. Wie beim Gender-Sternchen oder dem ultimativen Bösen in Form von SUVs und Silvesterraketen haben hier die Berufsmoralistinnen und Berufsmoralisten das Wort, während sich viele Menschen gegängelt fühlen, die doch einfach nur frei entscheiden wollen.

In der Diskussion, ob Macht verpönt oder überholt ist, fällt die gestalterische Kraft unter den Tisch, die sie in verantwortungsvollen Händen darstellt. Stattdessen arbeiten die berufsprogressiven Predigerinnen und Predigern mit einem Taschenspielertrick. Sie drehen die Tatsache, dass sich die Funktionen, Methoden und Rollen von Chefinnen und Chefs verändern sollen, in den populistischen Appell, dass gleich alle über die Planke gehen müssen, um den Niedergang der Wirtschaft zu verhindern.

Matthias Kolbusa

Es sei an dieser Stelle versichert: Es ist alles in Ordnung mit der Macht und okay, eine Chefin oder Chef zu sein. Es kommt auf die Verantwortung und die Reife an – die eigene und die der Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und Kolleginnen und Kollegen. Fragen wir uns also nicht, ob Macht Teufelszeug ist. Fragen wir uns lieber, wie wir sie zum Wohle aller einsetzen können und wie andere reifer werden, um immer mehr Macht übernehmen zu können. Denn die Macht ist immer da – auch in Zeiten von Agilität und Hierarchielosigkeit. Sie wird nur von anderen in anderer Form ausgeübt.

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