Staatlich verhängte Auflagen, die Ausbildung und Studium ins Homeoffice verlagern, trüben das Glück der Familien besonders.
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Staatlich verhängte Auflagen, die Ausbildung und Studium ins Homeoffice verlagern, trüben das Glück der Familien besonders.

Gastwirtschaft

Oft am Limit

  • Hilke Brockmann
    vonHilke Brockmann
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Familien brauchen jetzt maßgeschneiderte Hilfen. Die Kolumne „Gastwirtschaft“.

Im Herbst begibt sich das öffentliche Leben in den Winterschlaf. Corona fegt die Plätze leer. Wer jetzt allein ist, dichtet Rilke, wird es lange bleiben. Wer jetzt eine Familie hat oder mit guten Freunden zusammenlebt, hat es besser. Zu Hause wird hübsch dekoriert, lecker gekocht und gemeinsam auf dem Sofa gechillt. Eine Familie hält zusammen. Das sind zumindest die Werbebotschaften, die uns über die Medien erreichen.

Die Wirklichkeit sieht oft anders aus. Die Forschung zeigt, dass der Lebenspartner ganz entscheidend für das Lebensglück ist, nicht aber Kinder oder Eltern. Pubertierende Kinder haben nicht selten die Gabe, Eltern auf die Palme zu bringen oder in großer Sorge zurückzulassen. Eltern im hohen Alter strapazieren die Nerven pflegender Kinder. Der Wohlfühlfamilie sind Grenzen gesetzt. Und in Zeiten der Pandemie sind Familien mit Jugendlichen und uralten Omas und Opas oft am Limit.

Warum? Weil die Jungen raus ins Leben streben, vor allem, wenn sie die Schule beenden, einen Job suchen, studieren und Party machen wollen. Und weil die hinfälligen Alten zurück zu den Familien ihrer Kinder finden müssen, weil keine noch so professionelle Pflege die kindliche Sorge und Liebe ersetzt.

Deshalb trüben die staatlich verhängten Auflagen, die Ausbildung und Studium ins Homeoffice verlagern und Altenpflege mit FFP2-Maske und rigidem Besuchsreglement vorschreiben, das Glück dieser Familien besonders.

Gibt es einen Ausweg? Ja, selbst wenn wir alle anerkennen müssen, dass das Leben kein Wunschkonzert ist. Aber die Großzügigkeit, die der Staat gegenüber der Wirtschaft gezeigt hat, sollte er jetzt auch gegenüber den Familien zeigen. Es geht weniger ums Geld als um maßgeschneiderte Hilfestellungen. Für die Jungen wäre eine großzügige Anerkennung ihrer erschwerten Lernbedingungen etwa mit gesenkten Numerus-Clausus-Standards oder mit einer zweiten Chance durch eine Quotierung bei der Stellenvergabe nach Corona sinnvoll.

Für die Alten wäre es zentral, wenn der Pflege am Lebensende ein höherer Stellenwert beigemessen würde. Ältere sollten vorrangig Zugang zu Testkapazitäten erhalten, damit langwierige Quarantänen entfallen und Besuchsregeln in Heimen so wenig wie möglich eingeschränkt werden. Das Lebensende gehört zu den unglücklichsten Phasen unseres Lebens. Diese Krise könnte eine Chance sein, diesem Unglück zu begegnen.

Hilke Brockmann ist Soziologin. Sie arbeitet an der Jacobs University in Bremen.

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