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Offen für die Gen-Schere

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Von: Tillmann Elliesen

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Was sollte in der Landwirtschaft erlaubt sein?
Was sollte in der Landwirtschaft erlaubt sein? © Nicolas Armer/dpa

Ideologische Scheuklappen mit Blick auf die Veränderung von Nutzpflanzen sollten fallen. Denn auch Kleinbauern könnten künftig profitieren. Die Kolumne „Gastwirtschaft“. 

Die EU-Kommission will im Frühjahr entscheiden, wie streng Nutzpflanzen geprüft werden müssen, die mithilfe neuer gentechnischer Verfahren wie der Gen-Schere CRISPR/Cas hergestellt wurden. Dabei wird in das Erbgut von Pflanzen eingegriffen, um bestimmte Merkmale zu verstärken, etwa Widerstandsfähigkeit gegen Trockenheit. Im Unterschied zur „alten“ Gentechnik wird kein artfremdes Genmaterial eingefügt, wie das etwa seit 25 Jahren mit Mais- oder Baumwollpflanzen gemacht wird: Denen werden Bakterien eingebaut, die sie resistent gegen Insektenschädlinge machen.

Solche mit der alten Technik veränderte Nutzpflanzen müssen in der EU seit 1999 nach einem strengen Verfahren auf Risiken für Mensch und Umwelt getestet werden, bevor sie auf den Markt kommen. Umweltorganisationen wie Greenpeace oder Friends of the Earth sagen, das müsse so auch für die neue Gentechnik gelten, weil die genauso riskant sei. Andere Fachleute und die Agrarindustrie widersprechen: Mit der Gen-Schere werde nur die DNA der Pflanze verändert – und das werde in der Züchtung schon lange gemacht, bisher nur umständlicher, etwa durch UV-Bestrahlung oder chemische Behandlung.

Die europäische Diskussion über die neue Gentechnik ist auch für die Entwicklungspolitik relevant. Mit der alten Gentechnik haben vor allem große Agrarkonzerne und die industrielle Landwirtschaft viel Geld verdient; zur Reduzierung von Hunger und Armut hat sie nicht beigetragen. Die Gen-Schere hingegen hat Potenzial auch für kleine Saatguthersteller und öffentliche Forschungsstellen, weil das Verfahren vergleichsweise einfach und kostengünstig ist. Davon könnten auch Kleinbauern etwa in Afrika profitieren, die Pflanzen brauchen, die besser mit Trockenheit oder Schädlingen zurechtkommen.

In der Debatte sollten deshalb ideologische Scheuklappen abgelegt werden. Wer an einer zukunftsfähigen Landwirtschaft interessiert ist, sollte sich ernsthaft mit den Möglichkeiten der Gen-Schere auseinandersetzen – ohne dabei allerdings in blinde Technikeuphorie zu verfallen: Alternative landwirtschaftliche Methoden, die ohne Hightech auskommen, dürfen nicht an den Rand gedrängt werden. Denn auf die sind ärmere Bauern im globalen Süden weiterhin angewiesen. Zumindest solange ihnen auch die neue Gentechnik nichts zu bieten hat.

Der Autor ist Redakteur beim entwicklungspolitischen Magazin „Welt-Sichten“.

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