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Blick auf ein inoffizielles Flüchtlingslager auf der griechischen Insel Lesbos. Den europäischen Südländern die Hauptlast bei der Betreuung von Flüchtlingen aufzubürden und zugleich eine Vergemeinschaftung der Schulden abzulehnen, wie es die deutsche Politik tut, zeugt von vielem, nicht aber von Solidarität.

Europa

Obligatio in solidum!

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Ein solidarisches Europa geht anders. Die Gastwirtschaft.

Parteien aller Couleur beschwören in diesen Tagen wieder die Idee eines solidarischen Europas. In Wahlkampfzeiten verwundert das nicht. Unklar bleibt jedoch, von welcher Solidarität die Rede ist. Von einer gemeinsame Verpflichtung auf ein universelles Gemeinwohl, das der globalisierten Wirklichkeit angemessen wäre? Oder doch nur vom europäischen Schulterschluss, um wirkungsvoller eigennützige Interesse durchsetzen zu können?

Europa, das steht leider noch immer für die selbstbezogene Solidarität einer Macht, die anderen Ländern ungerechte Wirtschaftsbeziehungen aufnötigt und sich nach außen vor den Folgen abschottet.

Gastwirtschaft

Unsere tägliche Kolumne von Gastautorinnen und Gastautoren im Wirtschaftsteil. Heute: Thomas Gebauer, Sprecher der Stiftung Medico International. Aktuell ist von ihm erschienen: „Hilfe? Hilfe! – Wege aus der globalen Krise“ (mit Ilija Trojanow).

Wer die Idee der Solidarität gegen solche Indienstnahmen verteidigen will, muss sich auf den Ursprung des Wortes Solidarität besinnen. Das nämlich wurzelt im römischen Recht und steht für eine besondere Form von Haftung, die „obligatio in solidum“, deren Kern eine von allen gemeinsam zu tragende Schuldverpflichtung ist. Wobei jede und jeder Einzelne jeweils für das Ganze der Schuld einzustehen hat. Ausdruck von Solidarität ist folglich nicht das Drängen auf Verhältnisse, aus denen sich ein partikularer Nutzen ziehen ließe, sondern die verpflichtende Sorge um das Wohl aller. Und zwar unabhängig davon, ob man selbst davon profitiert.

Solidarität verträgt sich nicht mit einer geschäftsmäßigen Erwartung von Gegenleistungen. Die Beiträge, die in Solidargemeinschaften von ihren Mitgliedern erbracht werden, sind nach dem individuellen Vermögen gestaffelt, aber alle erhalten die gleichen Leistungen, gemessen allein am Bedarf. Jeder haftet für jeden.

Wer ein gefestigtes Europa will, kommt nicht umhin, für sozialen Ausgleich zu sorgen. Nach außen wie nach innen. Den europäischen Südländern die Hauptlast bei der Betreuung von Flüchtlingen aufzubürden und zugleich eine Vergemeinschaftung der Schulden abzulehnen, wie es die deutsche Politik tut, zeugt von vielem, nicht aber von Solidarität. „Alle Menschen werden Brüder“, heißt es in Schillers „Ode an die Freiheit“, die, von Beethoven vertont, in der europäischen Hymne heute immer mitschwingt. Von Menschen ist darin die Rede, nicht allein von Europäern und schon gar nicht nur von Deutschen, Italienern oder Ungarn.

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