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NFT: „Du Dummerchen“

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Von: Andreas Bangemann

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Wenn mit dem Naturschwamm ein Kunstwerk entsteht.
Wenn mit dem Naturschwamm ein Kunstwerk entsteht. © Imago

Eine Geschichte über Sinn und Unsinn von Non-Fungible-Tokens. Die Kolumne „Gastwirtschaft“. 

Neulich besuchte mich Botticelli. Wir saßen im Wohnzimmer und ließen uns frisch gebackene Madeleines schmecken, die ich mit Schlagsahne und Erdbeerpüree verziert hatte. Dazu gab es Kaffee. Wenn man einen dermaßen bekannten Künstler zu Gast hat, will man etwas bieten.

Während unseres Plausches entdeckte der geniale Maler den Naturschwamm, der seit meiner Reise in die Ägäis in einem Regal lag. Er betrachtete ihn andächtig. Ich zückte das Smartphone für ein Erinnerungsfoto. Doch Sandro – wir sind per Du – nahm den Schwamm, tunkte ihn zuerst in die Sahne mit der Erdbeersoße, anschließend ausgiebig in seinen schwarzen Kaffee und schwupp, warf er dieses tropfende Naturprodukt gegen die kürzlich frisch gestrichene weiße Wand.

„Um Himmels willen, was hast Du getan?“, fragte ich. „Ich hasse Landschaftsbilder und ich dachte mir, bevor Du ein solches dort hinhängst, erschaffe ich Dir etwas Besonderes. Du selbst und alle, die diesen Fleck ansehen, werden bei jedem Betrachten aufs Neue ihre ureigene Version einer Landschaft darin erblicken.“

Auf dem Foto, das ich schoss, war noch der ausgestreckte Arm Boticellis zu sehen und der Moment, als der Schwamm die Wand erreichte. Den Farbklecks schützte ich später mit Firnis, aber weil meine Wohnung klein ist und ich nicht allzu oft Besuch bekomme, überlegte ich mir, wie ich Gewinn aus dem „Werk“ dieses berühmten Künstlers schlagen könnte.

Beim Bier in der Kneipe erzählte mir mein Freund von Non-Fungible-Tokens (NFTs): „Ganz einfach: Die digitale Version Deines Fotos wird tokenisiert. Dazu gehen wir online auf einen NFT-Marktplatz und minten das Bild über eine Blockchain, wie zum Beispiel Ethereum. Dann schreibst Du einen kurzen Steckbrief mit der grandiosen Geschichte zur Entstehung des Werks, wir laden Dein NFT hoch und beginnen eine Auktion mit Mindestgebot von 100 000 Euro.“ „Ich verstehe nur Bahnhof, aber der letzte Teil gefällt mir!“

„Das beste kommt noch: Dein Bild ist ein Live-Foto. Dadurch besitzt Du eine komplette Sequenz, die jede Phase des heroischen Wurfs in vielen Einzelbildern zeigt. Du bist demnach im Besitz von circa 100 NFTs!“ „Das hört sich für mich nach einer Art Betrug an!“ „Dummerchen! Das ist bereits ein gigantischer Markt. Man geht davon aus, dass damit dieses Jahr über 20 Milliarden Dollar bewegt werden!“

Der Autor ist Chefredakteur der Zeitschrift „Humane Wirtschaft“.

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