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In München kurz nach acht Uhr einsteigen, etwas lesen, dann ins Bett und nach einem kleinen Frühstück in Rom aussteigen - das verspricht das Nachtzug-Angebot der Bahnen.

Klimabewusst Reisen

Im Nachtzug durch Europa

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Auch die Deutsche Bahn sollte wieder auf Schlafwagen setzen.

In München kurz nach acht Uhr einsteigen, etwas lesen, dann ins Bett und nach einem kleinen Frühstück in Rom aussteigen. Entspannt und dabei klimabewusst zu reisen, gönnen sich immer mehr Reisende. Deshalb wollen manche europäischen Bahnen ihr Nachtzug-Angebot stark ausbauen – und den Flugzeugen Konkurrenz machen. Nur die Deutsche Bahn ziert sich.

Marktführer sind die Österreichischen Bundesbahnen. Mehr als 1,6 Millionen Passagiere nutzten 2018 ihre Nightjets, die österreichische Städte mit Hamburg oder Berlin und mit Venedig, Rom oder Budapest verbinden. Seit 2016 haben ihre Nachtzüge 12 000 europäische Flüge ersetzt. Das sollen jetzt noch mehr werden. Am 1. Januar eröffnet Wien eine Nachtzug-Verbindung nach Amsterdam.

Flüge weiter durch Nachtzüge ersetzen wollen auch die Schweden. Seit zwei Jahren baut die Bahn ihre Angebote auf den langen Strecken zwischen Süd und Nord ständig aus. Das Ergebnis: Im vergangenen Sommer waren die Nachtzüge so gut wie ausgebucht. Die Zahl der Flugreisen ist seit Anfang dieses Jahres dagegen um neun Prozent zurückgegangen. Jetzt denken die Fluggesellschaften über die Ausdünnung ihrer inländischen Linien nach.

Markus Kirchgessner ist Wirtschaftspublizist. Aus seiner Feder stammt das Buch „Die Kunst, den Kapitalismus zu verändern“

Europa im Schlaf bereisen – auch die Schweizer wollen schon bald auf diesen Zug aufspringen. Allein die Deutsche Bahn blockt ab. Der Staatskonzern hat seine Nachtzüge 2015 stillgelegt. Er hält sie für ein teures Nischengeschäft. Die Österreicher beteuern dagegen, dass ihre Nightjets kein Zuschussbetrieb seien. Sie würden die Kosten tragen und sogar einen kleinen Überschuss erwirtschaften, was man bei Leibe nicht von allen Bereichen der Deutschen Bahn sagen kann. Dazu könnten Nachtzüge in Zukunft große Vorteile bieten: Sie schaffen größere Reisekapazitäten und entzerren die Hauptverkehrszeiten. Bedenkt man, dass die Deutsche Bahn ihre Passagierzahlen bis 2030 verdoppeln will, wären Nachtzüge eine Alternative.

Dies umso mehr, als die Klimadebatte die Konkurrenzverhältnisse zwischen Bahn und Flugzeug verändern wird. Fliegen wird endlich teurer, die Bahn hoffentlich billiger, die Mehrwertsteuer soll schon bald sinken. Damit gewinnen Nachtzüge an Attraktivität, weil sie das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden: entspannt reisen, das Klima schonen und ausgeruht ankommen.

Der Autor ist Wirtschaftspublizist. Aus seiner Feder stammt das Buch „Die Kunst, den Kapitalismus zu verändern“ (Publik-Forum Verlag).

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