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Mit sozialem Kompass

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Von: Anja Piel

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Tarifbindung und eine gute Einwanderungspolitik könnten helfen, den Fachkräftemangel zu beheben.

Jede Ware hat ihren Preis. Er steigt mit knappem Angebot und hoher Nachfrage. Wer knappe Ware braucht, muss deshalb tiefer in die Tasche greifen. Doch geht es nach manchen Arbeitgebervertreter:innen, soll dieses Prinzip für eine Ressource nicht gelten: die Arbeitskraft.

Wer abhängig beschäftigt ist, stellt seine Arbeitskraft für Geld bereit. Den Gesetzmäßigkeiten des Marktes zufolge könnten Fachkräfte also erwarten, dass sich bei hoher Fachkräfte-Nachfrage und geringem Angebot Bezahlung und Arbeitsbedingungen verbessern. Ältere könnten davon ausgehen, dass Arbeitgeber Arbeitsplätze altersgerecht gestalten. Besonders gefragte Fachkräfte – etwa in der Pflege – könnten sich darauf verlassen, nicht durch dünne Personaldecken aus dem Beruf getrieben zu werden. Wer nicht ausbildet, müsste erkennen, dass Fachkräfte nicht vom Himmel fallen. Und wer sich einem Tarifvertrag verweigert, würde Gewerkschaften die Hand reichen.

Doch leider bleiben diese Konsequenzen oft aus. Beispiel Handwerk: Trotz hohem Fachkräftebedarf arbeiten zu wenig Beschäftigte unter dem Schutz eines Tarifvertrags. Stattdessen fordern manche Arbeitgeber ein höheres Renteneintrittsalter und längere Arbeitszeiten. Aber die Lösung für Fachkräftelücken ohne sozialen Kompass allein den Beschäftigten aufzubürden, geht nicht.

Ausbilden, weiterbilden, nach Tarif bezahlen, Arbeitsplätze altersgerecht gestalten, Arbeitsbedingungen und Infrastruktur für Kinderbetreuung verbessern – das sind echte Lösungen. Wenn nicht alle Arbeitgeber diese Schritte selbst gehen, muss die Ampel-Koalition mit gesetzlichen Regeln nachhelfen.

Auch Einwanderung ist notwendig, allerdings zu fairen Bedingungen, nicht als Weg in prekäre Arbeit. Gute Einwanderungspolitik muss sich daran orientieren, Menschen im Alltag und unserer Gesellschaft ankommen zu lassen und nicht, sie als leicht verfügbare billige Arbeitskräfte auszunutzen. Was nicht passieren darf: Während mit viel Aufwand Fachkräfte angeworben werden, sollten nicht gleichzeitig gut ausgebildete Menschen aus Deutschland abgeschoben werden, weil sie keinen sicheren Aufenthaltsstatus haben.

Mit einem echten Spurwechsel – also dem Wechsel von Asylbewerbern ohne Bleiberecht vom Asyl- ins Einwanderungsverfahren – könnten sie auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen.

Die Autorin ist Mitglied

im geschäftsführenden

DGB-Bundesvorstand.

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