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Verwunderlich ist aber, wenn Kleineigentümer das geerbte Reihenhaus von Oma plötzlich wie Global Player feilbieten und Staffelmieten unter der Hand als legitim inszenieren.

Gastwirtschaft

Wider die Profitgier

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Der Mietendeckel ist ein sinnvolles Instrument, dem Opportunismus im Mietmarkt zumindest die rechtliche Legitimität zu entziehen. Die „Gastwirtschaft“.

Über die Konsequenzen des Mietendeckels wird in Berlin heftig diskutiert: Einige prognostizieren den apokalyptischen Verfall der Gebäude wegen fehlender Investition, andere eine finanzielle Entlastung der Bürger. Der Mietendeckel wird die Mieten auf dem heutigen Stand für fünf Jahre einfrieren. Der Ausgangspunkt des Gesetzes sind Mieten, die deutlich schneller wachsen als das durchschnittlich zur Verfügung stehende Einkommen und bei Neuvermietung doppelt so hoch sind wie vor zehn Jahren.

Gastwirtschaft

Unsere tägliche Kolumne von Gastautorinnen und Gastautoren im Wirtschaftsteil. Heute: Fabiola Rodríguez Garzón arbeitet an der TU Berlin und koordiniert das Berliner Hochschulprogramm DiGiTal zur Förderung von Frauen in Forschung und Lehre.

Verwundert ist niemand über die Mietentwicklung, denn global operierende Immobilieninvestoren erwarten eine Rendite. Tritt der Vermögensverwalter BlackRock als Aktionär auf, wie bei den Wohnungsunternehmen Deutsche Wohnen und Vonovia, dient die Mieterhöhung sicherlich nicht einzig der kostendeckenden Sanierung von Küche und Bad.

Verwunderlich ist aber, wenn Kleineigentümer das geerbte Reihenhaus von Oma plötzlich wie Global Player feilbieten und Staffelmieten unter der Hand als legitim inszenieren. Oder der zukünftige Vormieter als Türsteher zur Verwaltung auftritt und für die alte, vergilbte Küche eine horrende Abschlagszahlung verlangt.

Erschreckend ist auch, wenn selbst Kollegen und Bekannte für den Tipp auf eine frei werdende Wohnung eine Vermittlungspauschale erheben. Vom Gequatsche der Alternativlosigkeit eingelullt gilt das Prinzip: Wenn ich es nicht mache, dann machen es andere und wer nicht mitmacht, verliert! Das Fear of Missing Out ergreift Berlin und diejenigen, die standhalten und sich der Profitgier entziehen, gelten als rückständige, links verblendete Träumer.

Fabiola Rodríguez Garzón arbeitet an der TU Berlin und koordiniert das Berliner Hochschulprogramm DiGiTal zur Förderung von Frauen in Forschung und Lehre.

Der Stadt droht ein moralischer Verfall. Mit der unsanierten Küche können wir leben, nicht damit, dass sich plötzlich eine Bourgeoisie wie zu Zeiten der Industriealisierung durchsetzt: eine so tief demoralisierte, eine so unheilbar durch Eigennutz verderbte, innerlich zerfressene und für allen Fortschritt unfähig gemachte Klasse, wie sie Friedrich Engels beschrieb.

Der Mietendeckel ist ein sinnvolles Manöver dem Opportunismus im Mietmarkt zumindest die rechtliche Legitimität zu entziehen. Zugleich setzen wir unsere Hoffnung auf die zahlreichen zivilgesellschaftlichen Initiativen, die in Berlin gemeinsam gegen den Mietenwahnsinn vorgehen.

Die Autorin arbeitet an der TU Berlin und koordiniert das Berliner Hochschulprogramm DiGiTal zur Förderung von Frauen in Forschung und Lehre.

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