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Das Handy kann ich zu Hause lassen, wenn ich auf eine Demo gehe, mein Gesicht nicht.

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Videoüberwachung: Warum die automatische Gesichtserkennung so gefährlich ist

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Moderne Überwachungssoftware kann innerhalb einer Sekunde auf hunderten Bildern Menschen erkennen. Das ist gefährlich. Wir sollten uns das Silicon Valley zum Vorbild nehmen und handeln. Die Gastwirtschaft.

In San Francisco ist automatische Gesichtserkennung verboten. Ohne eine ausdrückliche Erlaubnis dürfen lokale Behörden wie die Polizei oder Verkehrsbetriebe die neue Technologie nicht einsetzen. Weitere Städte haben seitdem ähnliche Verbote eingeführt. Ausgerechnet aus dem Silicon Valley kommt also eine Entscheidung mit Signalwirkung: Brauchen wir Verbote, um unsere Grundrechte zu schützen?

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Unsere tägliche Kolumne von Gastautorinnen und Gastautoren im Wirtschaftsteil. Heute: Kilian Vieth koordiniert bei der Stiftung Neue Verantwortung den Themenbereich digitale Grundrechte und Überwachung.

Automatische Gesichtserkennung bedeutet, dass Software menschliche Gesichter in Video- und Bildmaterial identifiziert und mit Fotos bekannter Gesichter abgleicht. Bis zu 300 Bilder pro Sekunde scannt so eine Software. Wenn zum Beispiel Menschenmengen in Fußballstadien oder an Bahnhöfen gefilmt werden, lassen sich damit gesuchte Einzelpersonen herausfiltern.

Aber ist das so gefährlich, dass man es verbieten muss? Verfechter der biometrischen Überwachung führen oft an, dass wir heute doch eh schon auf Schritt und Tritt überwacht werden können. Unsere Smartphones zeichnen über GPS unseren Standort auf und die Polizei kann bei der Telekom erfragen, wer wann in welcher Funkzelle eingewählt war. Aber es gibt einen wichtigen Unterschied: Das Handy kann ich zu Hause lassen, wenn ich auf eine Demo gehe, mein Gesicht nicht. Anonymität im öffentlichen Raum wäre faktisch abgeschafft, das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit eingeschränkt.

Außerdem sind die Algorithmen ungenau. Eine Fehlerquote bleibt immer. Für zu Unrecht verdächtigte Personen bedeutet das viel Ärger, Angst und Unsicherheit. Gerade bei Frauen und nicht-weißen Menschen liegen die Systeme oft daneben. Statt strukturelle Diskriminierung zu bekämpfen, wird sie verstärkt.

Die großen Anbieter von Datenanalyse-Software wie Amazon oder Palantir bieten ihre Dienste gerne zum Einstieg kostenlos an, um sich langfristig lukrative Behördenaufträge zu erschließen. Davon darf sich der Staat aber nicht beeindrucken lassen.

Kilian Vieth koordiniert bei der Stiftung Neue Verantwortung den Themenbereich digitale Grundrechte und Überwachung.

Der Stadtrat von San Francisco hat mit seinem Verbot einen politischen Gestaltungsanspruch erhoben und entschieden: Die Menschen in unserer Stadt sollen keine Versuchskaninchen für eine undemokratische, neue Technik sein, deren Risiken und Nebenwirkungen wir nicht kontrollieren können. Nicht jede technische Innovation ist auch eine gesellschaftliche Errungenschaft.

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