1. Startseite
  2. Wirtschaft
  3. Gastwirtschaft

Mehr Wettbewerb!

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Carsten Herrmann-Pillath

Kommentare

Studierende im Hörsaal: Mehr Wettbewerb in der Wirtschaftswissenschaft ist ein gesellschaftliches Gemeingut.
Studierende im Hörsaal: Mehr Wettbewerb in der Wirtschaftswissenschaft ist ein gesellschaftliches Gemeingut. © Jan Woitas/dpa

Die Wirtschaftswissenschaft verleugnet ihr eigenes Mantra. Dabei wäre eine Selbstanwendung der herrschenden Lehre revolutionär: Markteintrittsschranken für neue Ideen abbauen und die Macht von akademischen Interessengruppen eindämmen. Die Kolumne „Gastwirtschaft“.

In der Wirtschaftswissenschaft spielen Lehrbücher eine zentrale Rolle für die Zementierung herrschender Lehrmeinungen. Im Verbund mit Akkreditierungen von Curricula werden so Generationen von Studierenden in denselben Theorien unterrichtet. Durch die Straffung der Curricula im Bachelor wird der Stoff weiter eingeengt. Eine Faustregel besagt, dass neue Lehrbücher höchstens rund zehn Prozent des Stoffes ändern sollten: Die Inhalte werden auf einem globalen Markt für Lehrbücher diktiert, mit der Folge, dass Studierende weltweit auf dieselben Inhalte eingenordet werden.

Dabei ist die Wirtschaftswissenschaft eine Disziplin, wo sogar grundlegende Annahmen höchst umstritten sind. Man denke nur an den Status der Rationalität des Verhaltens oder die Beziehung zwischen Geld und Staatshaushalt. Theoretische Differenzen ziehen oft radikal gegensätzliche politische Empfehlungen nach sich.

Angesichts dessen ist die Enge der etablierten Lehre höchst problematisch. Die Wirtschaftswissenschaft verleugnet hier ihr eigenes Mantra des Wettbewerbs: Statt Wettbewerb der Ideen sind die Studierenden mit geistigen Monopolen konfrontiert, die noch dazu mit Sanktionsrechten ausgestattet sind: Wer ihren Stoff nicht „kauft“, fällt durch.

Diese Monopolisierung wird auch seitens der Forschung befördert. Die Wirtschaftswissenschaft sticht unter den Sozialwissenschaften dadurch hervor, dass ihre Publikationsformen strikt reglementiert und hierarchisiert sind. Das schränkt die geistige Freiheit des wissenschaftlichen Nachwuchses stark ein, der gleichzeitig hohe Lehrbelastungen tragen muss. Die beste Strategie ist, den Standards zu folgen.

Es bedarf einer wissenschaftlichen Wettbewerbspolitik: Paradox, aber wahr – gerade an dieser Stelle wäre eine Selbstanwendung der herrschenden Lehre revolutionär: Markteintrittsschranken für neue Ideen abbauen, die Macht von akademischen Interessengruppen eindämmen, Regulierungen von Inhalten lockern, unternehmerische Kreativität fördern. Mehr Wettbewerb in der Wirtschaftswissenschaft ist ein gesellschaftliches Gemeingut, bedenkt man, welche schlimmen Folgen Irrtümer und geistige Scheuklappen für die Bürger:innen haben, die dem Rat der „Experten“ (in der Tat, mehrheitlich Männer) ausgesetzt sind, ob sie wollen oder nicht.

Der Autor ist Volkswirt und Professor und Fellow am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt.

Auch interessant

Kommentare