1. Startseite
  2. Wirtschaft
  3. Gastwirtschaft

Mehr oder weniger Elend

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Rainer Voss

Kommentare

Die Preise liegen 5,2 Prozent höher als vor einem Jahr.
Vieles ist teurer: Die Preise lagen im November um 5,2 Prozent höher als vor einem Jahr. © dpa

Immer wieder wird betont, dass die Inflation besonders die Haushalte trifft, die sowieso in einer prekären Situation leben. Dabei wird aber übersehen, dass Inflationsbekämpfung auch einen Preis hat.

Beginnen wir mit einer ganz blöden Frage: Was ist eigentlich so schlimm daran, dass es Inflation und Arbeitslosigkeit gibt? Offenbar, dass es den Leuten mit schlechter geht als ohne eins von beiden. Darum sind eine oder gar beide dieser Größen die Richtschnur von Zentralbankpolitik überall auf der Welt.

Dem Ökonomen Arthur Okun verdanken wir den „Elendsindex“, eine Messgröße, die Arbeitslosigkeit und Inflation addiert und so den Rückgang des nationalen Wohlbefindens in einer Zahl zusammenfasst. Dabei ist die Gewichtung beider wirtschaftlichen Plagen gleich groß, das heißt, vier Prozent Inflation und fünf Prozent Arbeitslosigkeit sind genauso schlimm für die Bürgerinnen und Bürger wie zwei und sieben Prozent. Ob diese Gleichsetzung wissenschaftlich korrekt ist, steht im Zentrum eines der vielen Prinzipienstreite in der Ökonomie.

Helmut Schmidt stellte uns vor die Alternative „fünf Prozent Arbeitslosigkeit oder fünf Prozent Inflation“ und fasste damit zusammen, dass die Bekämpfung der Geldentwertung – in der Regel durch Zinsanhebung – unweigerlich zu höherer Arbeitslosigkeit führt. Darum haben die amerikanische und die britische Zentralbank – im Gegensatz zu Bundesbank oder EZB – explizite Ziele für Arbeits- und Geldmärkte.

Britische Wissenschaftler haben Zeitreihen zwischen 1975 und 2013 auf den oben beschriebenen Zusammenhang untersucht und festgestellt, dass diejenigen, die es betrifft – nämlich die Bevölkerung – Arbeitslosigkeit und Inflation nicht gleich, sondern völlig unterschiedlich gewichten. Der Faktor ist dabei eins zu fünf, was bedeutet, dass ein einprozentiger Anstieg der Arbeitslosigkeit als fünfmal schlimmer empfunden wird als ein Prozent mehr Inflation.

In der medialen Öffentlichkeit wird immer wieder – richtigerweise – betont, dass die Inflation besonders die Haushalte betrifft, die sowieso in einer wirtschaftlich prekären Situation leben. Dabei wird aber übersehen, dass Inflationsbekämpfung über höhere Zinsen auch einen Preis hat, der jene Bevölkerungsgruppe trifft, nämlich eine Zunahme der Arbeitslosigkeit.

Vielleicht sollten sich diejenigen, die aus dem Elfenbeinturm gute Ratschläge für die Zentralbanker bereit haben, einmal in die Situation des gemeinen Bürgers versetzen statt geldpolitische Entscheidungen auf Basis 50 Jahre alter Theorien zu fordern.

Auch interessant

Kommentare