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McKinsey im Wunderland

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Von: Jens Holst

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Eine Ärztin bei der Arbeit. 42 Milliarden Euro soll die Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen jährlich einsparen. Was fehlt: eine nachvollziehbare Berechnung.
Eine Ärztin bei der Arbeit. 42 Milliarden Euro soll die Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen jährlich einsparen. Was fehlt: eine nachvollziehbare Berechnung. © Christoph Schmidt/dpa

Wie Unternehmensberatungen die Verbetriebswirtschaftlichung der globalen Gesundheit vorantreiben. Die Kolumne „Gastwirtschaft“.

Manchmal weiß man schon beim Lesen der Überschrift, was für ein Murks hinter einer Meldung steckt. So auch bei der neusten „Studie“ des Wirtschaftsberatungsunternehmens McKinsey mit Hauptsitz in den USA. Demnach berge die Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen Jahr für Jahr ein Einsparpotenzial von sage und schreibe 42 Milliarden Euro. Das wäre etwa ein Achtel der gesamten Gesundheitsausgaben. Insbesondere die elektronische Patientenakte, Online-Terminvereinbarungen sowie digitale Interaktionen und die Fernüberwachung und -unterstützung von Patient:innen könnten die Versorgungsqualität und -effizienz erhöhen und nicht nur die Behandlung und Patientenbetreuung, sondern auch die Arbeitsbedingungen des Personals verbessern.

Traumhafte Aussichten, denkt sich der Laie, und die Profis wundern sich, suchen sie in dem ganzen Geschwurbel vergebens nachvollziehbare Berechnungen. Offenbar beruhen die Zahlen auf mutmaßlichen Effekten bei uneingeschränkter und von allen Beteiligten vollständig akzeptierter Anwendung digitaler Technologien. Doch solange der Mensch nicht zu 100 Prozent eine Kombination aus homo oeconomicus und homo technicus ist, bleiben solche Schätzungen reines Wunschdenken.

Das Ganze erinnert an die Preisentwicklung bei Großbauprojekten wie der Elbphilharmonie oder Stuttgart 21, nur andersherum. Während sich deren Kosten im Laufe der Ausführung verzehnfachen, werden die Digitalisierungseinsparungen durch anfallende Kosten, zusätzliche Probleme, ausbleibende Effekte und unerwünschte Wirkungen schrumpfen. Aber der Glaube an Arbeits- und Kosteneinsparung durch Digitalisierung erscheint unerschütterlich.

Dahinter steckt Prinzip. McKinsey und andere Schmarotzer des neoliberalen Kapitalismus drängen sich nicht nur in die deutsche, sondern auch erfolgreich in die weltweite Gesundheitspolitik. Aufgrund riesiger Haushaltslöcher der Weltgesundheitsorganisation WHO bestimmen heute Philanthrokapitalist:innen wie die Gates-Stiftung die globale Gesundheitspolitik. Die „Kosteneffektivität“ ihrer „Investitionen“ überprüfen McKinsey und andere Unternehmensberatungen und treiben damit die Verbetriebswirtschaftlichung der globalen Gesundheit voran. Da heißt es wachsam bleiben, zu Hause und weltweit.

Der Autor ist Facharzt für Innere

Medizin, gesundheitspolitischer

Berater und hat eine Professur

für Global Health an der

Hochschule Fulda.

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