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Die Empörung über die himmelschreiende Unsichtbarkeit von Frauen könnte eine Empörung über die vermaledeite Sicht auf Frauen treten: Wie anders über Frauen geschrieben wird als über Männer.

Gastwirtschaft

Mach den Sebastiantest!

  • Claudia Cornelsen
    vonClaudia Cornelsen
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Wie selbst renommierte Medien über Frauen schreiben.

Einer meiner Lieblingstwitter-Accounts heißt @wievielefrauen. Hier wird nichts anderes gepostet als Bilder von Gremien und Events, dann werden Männer und Frauen gezählt. Beispiel: Verbände und Unternehmen gründen ein Netzwerk für Industrie 4.0; es präsentieren sich 25 Männer und null Frauen. Der endlose Stream von Bildern macht frappierend sichtbar, wie selbstverständlich deutlich mehr Männer als Frauen im Rampenlicht stehen.

Auch sonst wird neuerdings gern durchgezählt. Egal ob Talkshow oder Podiumsdiskussion, Innenministerkonferenz oder Aufsichtsrat – Männer, Männer, Männer. Zahlen lügen nicht. Sie schockieren.

Doch neben die Empörung über die himmelschreiende Unsichtbarkeit von Frauen könnte eine Empörung über die vermaledeite Sicht auf Frauen treten: Wie anders über Frauen geschrieben wird als über Männer, macht der „SebastianTest“ sichtbar: Einfach den Frauennamen durch „Sebastian“ ersetzen und das Genus im Text anpassen; wenn gelacht wird, ist der Text sexistisch. Beispiel gefällig?

„Sebastian kultiviert seinen eigenen Stil. So lässt der Franzose, Sparkultur hin oder her, gelegentlich seinen Pariser Couturier zum Maßnehmen in seinem Frankfurter Büro vorbeischauen. Der resolute Charme des Compliance-Vorstands verfing anfangs auch beim Chef. Im Hochsommer jedoch endete der Honeymoon.“

Noch eins? Bitte schön: „Sebastian steckt seine Energie derzeit lieber in ein eigenes Start-up. Der gelernte Banker und Vermögensberater, Vater zweier Söhne, war gerade zu einem Family-Office gewechselt, als seine Ehefrau ihn vor fünf Jahren wegen eines anderen sitzen ließ. […] Sebastian hat sich längst wieder gefangen. Neu gebunden ist er nicht. Vermögende Privatleute berät er weiter.“

Und noch eins? „Sebastian war neun Jahre als Single-Dad unterwegs – in der Männerdomäne Investmentbanking. Mit seinem damals sechs Monate alten Sohn, Ergebnis einer kurzen Liebe, zog der in München geborene Mediziner 1999 nach Harvard zum MBA-Studium […] von einer Woche zur anderen zogen Vater und Kind nach China.“

Das alles sind reale Sätze über Frauen, abgedruckt in renommierten Wirtschaftsmedien. Deren Lektüre wäre sehr viel vergnüglicher, wenn über Männer so geschrieben würde wie über Frauen. Nur Mut!

Claudia Cornelsen ist Kommunikationsberaterin.

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