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Liebe Klimabewegte,

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Von: Helena Marschall

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Die abgerissenen Baum- und Steinhäuser in Lützerath sind nicht „die Geschichte des Scheiterns“.
Die abgerissenen Baum- und Steinhäuser in Lützerath sind nicht „die Geschichte des Scheiterns“. © Christoph Reichwein/dpa

Hier schreiben alle zwei Wochen Aktivistinnen und Aktivisten der Fridays-for-Future-Bewegung.

während der getrocknete Matsch von meinen Schuhen abfällt, sind die letzten Besetzer:innen in Lützerath geräumt worden. Am Samstag habe ich mich zusammen mit 35 000 Menschen neben diesem kleinen Dorf in NRW versammelt, bin durch den Schlamm gestampft und habe protestiert. Mittlerweile wurden die meisten Häuser im Dorf schon abgerissen, Bäume werden gefällt. Man könnte also meinen, eine Geschichte des Scheiterns – das Gegenteil ist der Fall.

Am 4. Oktober standen alle zufrieden nebeneinander: Robert Habeck, Mona Neubaur und RWE Vorstandsvorsitzender Markus Krebber. Sie verkündeten stolz den Kohleausstieg 2030 im rheinischen Revier, fünf Dörfer würden gerettet und nebenbei müsse Lützerath eben weichen – Energiekrise und so. Eine Entscheidung, die als „Guter Tag für den Klimaschutz“ verkauft wurde, sollte möglichst schnell und still über die Bühne gehen.

Dann kam alles anders: Die Basis der Grünen stimmte nur sehr knapp gegen ein Räumungsmoratorium. Nachdem in den letzten zwei Jahren zunächst eine Handvoll Menschen Baumhäuser gebaut hatten, strömten jetzt immer mehr nach Lützerath und mit ihnen die gesammelte internationale Presse. Während der Bundes-Klimaminister versuchte, das angeblich leere Dorf als „falsches Symbol“ zu verkaufen, war Lützerath voll mit Menschen, die alle Aufmerksamkeit auf die über 280 Millionen Tonnen Kohle darunter zogen.

Und was bleibt jetzt? Die Klarheit, dass es Konsequenzen hat, im Jahr 2023 fossile Politik zu machen. Und noch etwas: Zeit. Etwas, wovon wir in der Klimakrise meistens zu wenig haben. Es wurde versucht, mit der Räumung Lützeraths voreilige Fakten zu schaffen. Ein Tagebau wird aber Schicht für Schicht abgebaut, von Süden nach Norden. Die Kohle in den dicken Flözen unter Lützerath kann rein technisch erst in über zwei Jahren abgebaut werden. Während erste Grüne also schon zurückrudern und offen halten, ob es die Kohle dann doch nicht brauchen wird, liegt es an uns, dies sicherzustellen.

Die Einhaltung aller Verträge, die weltweit schon zu fossilen Projekten geschlossen sind, würde zu weit über zwei Grad Erderwärmung führen. Wollen wir das Schlimmste verhindern, müssen Verträge aufgebrochen werden. In Lützerath hat die Klimabewegung diese Woche gewonnen. Jetzt müssen alle einmal durchatmen. Nächste Woche geht’s weiter.

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