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Krankenhäuser werden zumeist geführt wie eine Fabrik.

Gesundheitswirtschaft

Kliniken sind keine Fabriken

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Nicht die Patienten, sondern die Erlöse stehen meist im Mittelpunkt. Für eine grundlegende Reform des Gesundheitssystems braucht es Druck von unten.

Gesundheit ist ein gutes Geschäft. Private Krankenhausbetreiber wie Fresenius, die Rhön-Klinikum AG und die Asklepios Kliniken konnten ihre Umsätze 2018 steigern und Gewinne in Millionenhöhe verbuchen. Die gute Nachricht für Investoren und Konzerne ist eine schlechte für unsere Gesellschaft. Denn diese Gewinne können nur erwirtschaftet werden, weil Krankenhäuser einem extremen ökonomischen Druck unterliegen und die Betreiber das staatlich verordnete Fallpauschalen-System optimal ausnutzen, indem sie möglichst viele teure Behandlungen an den Patienten durchführen. Nach der Faustregel: Je höher der Aufwand, desto mehr Geld gibt es.

Wiebke Johanning.

Die Folge: Nicht der Patient, sondern der Erlös steht im Mittelpunkt und Krankenhäuser – auch die in öffentlicher oder gemeinnütziger Hand – werden geführt wie eine Fabrik. In dieser betriebswirtschaftlichen Logik ist es lukrativer, einer Diabetes-Patientin mit schwer heilenden Wunden das Bein zu amputieren, als es mit aufwendiger Wundpflege zu erhalten. In dieser Logik ist es auch vernünftig, dass in den vergangenen 15 Jahren 50.000 Stellen in der Pflege abgebaut wurden, weil dieser Posten viel Geld kostet und wenig hereinholt.

Gastwirtschaft

Unsere tägliche Kolumne von Gastautorinnen und Gastautoren im Wirtschaftsteil. Heute: Wiebke Johanning, Mitarbeiterin der Bewegungsstiftung. Die Gemeinschaftsstiftung fördert Protestbewegungen mit Geld und Beratung.

Die Folgen spüren Patienten und Beschäftigte jeden Tag. Da werden in privatisierten Kliniken schwerstkranke Notfallpatienten abgewiesen, weil das Personal für den OP-Raum fehlt. Da müssen Hebammen Schwangere unter der Geburt allein lassen, weil zu viele gleichzeitig versorgt werden müssen. Da fehlt Pflegern die Zeit, um Sterbenden ohne Angehörige für einige Minuten die Hand zu reichen. Das sind menschenunwürdige Bedingungen. Hier muss die Politik handeln. Denn Gesundheit ist keine Ware, sondern ein Menschenrecht.

Für eine grundlegende Reform des Gesundheitssystems braucht es Druck von unten. Die gute Nachricht: Der Widerstand formiert sich. 2800 Ärzte haben den Appell „Rettet die Medizin!“ des Stern-Magazins unterschrieben und protestieren damit gegen das Diktat der Ökonomie an Krankenhäusern. Und in Hamburg kämpft eine Krankenhausbewegung dafür, dass sich der Personalschlüssel in den Kliniken zukünftig am Bedarf der Patienten orientieren muss. Sie streiten für das, was wir uns alle wünschen: ein Versorgungssystem, das die Menschen gesund und nicht krank macht.

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