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Der medizinische Fortschritt verschiebt immer mehr Leistungen in die ambulante Versorgung und erzwingt eine immer stärkere Spezialisierung der einzelnen Häuser.

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Kliniken am Scheideweg

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Fachkräftemangel verlangt Konzentration.

Vor einigen Wochen fegte ein Sturm der Entrüstung über Deutschland. Für Unbedarfte klang es so, als sollten morgen Hunderte von Krankenhäuser geschlossen und die medizinische Infrastruktur in Deutschland an private Konzerne verscherbelt werden. Was war geschehen? Die Bertelsmann-Stiftung aus Gütersloh hatte anhand einer Beispielregion in Nordrhein-Westfalen aufgezeigt, wie viele Krankenhäuser mit welchem Versorgungsangeboten zur bedarfsgerechten Versorgung der Bevölkerung notwendig sind. Wer die deutsche Krankenhauslandschaft kennt, wurde nicht von dem Ergebnis überrascht, dass es weniger sind, als heute existieren. Flugs wurde die Zahl auf Deutschland hochgerechnet und reißerisch der Massenexodus für die meisten Häuser beschworen. Am lautesten schrien diejenigen, die die Studie überhaupt nicht gelesen hatten, darunter viele Politiker und Funktionäre.

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Unsere tägliche Kolumne von Gastautorinnen und Gastautoren im Wirtschaftsteil. Heute: Franz Knieps, Vorstand des BKK-Dachverbands.

Grund und Anlass der Studie war der gewaltige Problemhaushalt in der stationären Versorgung: Der medizinische Fortschritt verschiebt immer mehr Leistungen in die ambulante Versorgung und erzwingt eine immer stärkere Spezialisierung der einzelnen Häuser. Der Fachkräftemangel, nicht nur bei Ärzten, verlangt eine Konzentration. Dabei hängt die Qualität der Versorgung wesentlich von der Häufigkeit von Eingriffen und Behandlungen ab. Speziell bei Herzinfarkt, Schlaganfall und Krebserkrankungen kommt es für den Erfolg zudem darauf an, dass die notwendige medizintechnische Infrastruktur und eine Facharztbesetzung rund um die Uhr gesichert sind. Selbstverständlich spielt auch die Erreichbarkeit eines ausreichend ausgestatteten Hauses eine Rolle.

Für die Lösung dieser Probleme bedarf es ausreichender Ressourcen und vernetzter Konzepte. Speziell in den Ballungsgebieten gehört hierzu auch die Schließung nicht bedarfsnotwendiger Einrichtungen. Dies gilt ganz besonders für die Häuser, die weder Mindestmengen noch Qualitätsanforderungen erfüllen. Die Behandlung komplexer Erkrankungen ist dort für die Menschen gefährlich. Hier sind Politiker, Wissenschaftler und Krankenkassen in der Pflicht, das den Menschen zu erklären, die sich vielerorts für den Erhalt ihres Krankenhauses engagieren, selbst wenn sie es als Patient nicht betreten würden. Nordrhein-Westfalen hat diese Botschaft der Studie verstanden. Anderswo steht man offenbar noch auf der langen Leitung.

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