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Effektiver Klimaschutz wird wehtun und ganze Branchen umwälzen. Auch darüber muss man reden, sagt unser Autor.

Gastwirtschaft

Die soziale und gesellschaftliche Dimension des Klimawandels muss stärker in den Blick genommen werden

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Der Klimaschutz wird nicht nur Gewinner sehen.

Für uns, die wir dabei waren, ist es manchmal kaum vorstellbar, dass sich der Mauerfall bereits zum 30. Mal jährt. Wir haben die Schaffenskraft und Kreativität einer ganzen Generation benötigt und beinahe zwei Billionen Euro investiert, um die Verhältnisse in den neuen Bundesländern denen der alten Bundesrepublik zumindest weitgehend anzugleichen. Nicht überall und nicht für alle konnte dabei das Ziel gleicher Lebensverhältnisse erreicht werden – die Folgen sind eine zunehmende Abkehr von der Demokratie und das Erstarken radikaler politischer Positionen.

Ziemlich genau die gleiche Zeit – eine Generation – bleibt uns, um die im Pariser Weltklimavertrag definierten Klimaziele zu erreichen. Bis 2050 müssen wir dazu Wirtschaft und Gesellschaft weltweit weitgehend dekarbonisieren, was einen weitreichenden Umbau der Unternehmen und eine umfassende Veränderung der Lebensgewohnheiten erfordert. Allein für den Umbau der Energieversorgung müssen dazu in Europa jährlich 180 Milliarden Euro zusätzlich investiert werden.

Unsere tägliche Kolumne von Gastautorinnen und Gastautoren im Wirtschaftsteil. Heute: Rolf D. Häßler, Geschäftsführer des Instituts für Nachhaltige Kapitalanlagen.

Der Vergleich mit den Anstrengungen zur Wiedervereinigung macht dabei zweierlei deutlich. Erstens: Die vor uns liegende Aufgabe als gewaltig zu bezeichnen, ist fast noch untertrieben. Es geht nicht „nur“ um die Lebensverhältnisse in zwei europäischen Industriestaaten, sondern um einen globalen Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft in Staaten mit dramatisch unterschiedlichen Ausgangsbedingungen. Zweitens: Der Transformationsprozess wird massive soziale Effekte haben. Und: Je später wir Ernst mit dem Klimaschutz machen, desto radikaler werden die Maßnahmen ausfallen müssen – und desto größer können die sozialen Verwerfungen sein. Schon heute ist klar, dass viele Technologien und damit Industrien in einer klimaverträglichen Zukunft keine solche mehr haben. Damit einher geht im schlechtesten Fall ein massiver Arbeitsplatzverlust in diesen Industrien mit all seinen sozialen Auswirkungen.

Wer Firmen und ihre Beschäftigten in Sicherheit wiegt und angesichts der absehbaren Umbrüche besseren Wissens blühende Landschaften verspricht, platziert sozialen Sprengstoff an den Wurzeln unseres Gemeinwesens. Die Wahrheit ist: Der Klimaschutz wird nicht nur Gewinner sehen. Diese soziale und gesellschaftliche Dimension des Klimawandels muss daher deutlich stärker in den Blick genommen werden.

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