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Kleine Träumereien

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Von: Carsten Brzeski

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Eine der Träumereien: Es gibt einen Energiewendefonds auf EU-Ebene, mit dem grenzüberschreitende Energieprojekte gefördert werden.
Eine der Träumereien: Es gibt einen Energiewendefonds auf EU-Ebene, mit dem grenzüberschreitende Energieprojekte gefördert werden. Hier sind Windräder im Allgäu zu sehen. © Wolfgang Maria Weber/Imago

Ein etwas anderer Blick auf das vor uns liegende Jahr. Die Kolumne „Gastwirtschaft.

Mit Wirtschaftsausblicken ist es so wie mit den Schokoweihnachtsmännern im Supermarkt: Sie kommen jedes Jahr immer eher in die Regale und wenn man sie wirklich braucht, sind sie schon etwas abgestanden. Was dieses Jahr wirtschaftlich alles schiefgehen kann, wissen wir. Die Liste ist nicht kurz. Aber was, wenn die Zeit der Schwarzmaler vorbei ist? Was, wenn das Jahr 2023 uns nach drei Jahren Krise endlich mal verwöhnt? Was könnte dieses Jahr alles überraschend gutgehen?

Das Jahr fängt mit niedrigeren Energiepreisen an. So kann es weitergehen. Durch den warmen Winter sind die Gasreserven im Frühjahr viel höher als in den vergangenen Jahren und reichen die Einsparungen aus, um mit gefüllten Speichern in den nächsten Winter zu gehen. Das neue LNG-Terminal wird ein großer Erfolg und bringt mehr Gas nach Deutschland als erwartet. Zusätzlich bezieht Europa nachhaltige Energie von nordafrikanischen Staaten, die im Sommer hierzu Verträge mit der EU unterzeichnen. Durch den Klimawandel wird auch der Winter 2023/24 überdurchschnittlich warm und ist die Energiekrise kein Thema mehr. Die Preise bleiben wegen der Preisdeckel relativ niedrig

Nach dem unerwarteten Ende des Krieges in der Ukraine kommt es zu einem großen Wiederaufbauprogramm, eine Art Marshall Plan, der auch für die deutsche Industrie eine Sonderkonjunktur wird. Die befürchtete Deindustrialisierung wird damit erst einmal abgewendet. Die europäischen Länder einigen sich zudem auf einen Energiewendefonds, dem Vorbild des Pandemie-Wiederaufbaufonds folgend, mit dem Investitionen für grenzüberschreitende Energieprojekte gefördert werden. Diese Schritte hin zu mehr europäischer Integration und mehr Konjunkturpaketen zusammen mit der zunehmenden Patt-Stellung in der amerikanischen Politik führen dazu, dass Europa wieder attraktiv wird für ausländische Investoren.

Die niedrigeren Energiepreise und die dadurch fallende Inflation erlauben es der EZB, die Zinserhöhungen schon im Frühjahr zu stoppen. Der befürchtete Schock von zu starken Zinserhöhungen auf den Immobilienmarkt, Unternehmensfinanzierungen und finanzielle Stabilität bleibt dadurch aus. Der EZB sowie auch anderen Notenbanken gelingen die sogenannte sanfte Landung.

Zu schön, um wahr zu sein? Wahrscheinlich. Aber wann darf man noch träumen, wenn nicht zum Jahresanfang.

Der Autor ist Chefvolkswirt der Bank ING in Frankfurt.

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