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Kirche, Kunst und Krypto

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Von: Ruth Polleit Riechert

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Mit Non Fungible Token kann digitale Kunst leichter verkauft werden.
Mit Non Fungible Token kann digitale Kunst leichter verkauft werden. © Jakub Porzycki/Imago

Die NFT-Technologie ist ein Meilenstein. Die Kolumne „Gastwirtschaft“.

Auch ein Bill Gates kann mal falsch liegen. Mitte Juni gab er bekannt, niemals in Non-Fungible Token (NFT) und Kryptowährungen investieren zu wollen, sondern stattdessen lieber in Ackerland oder Unternehmen, die mit ihren Produkten einen realen, wertvollen Output hätten. Der amerikanische Künstler Beeple, der mit NFTs reich geworden ist, widersprach bei Twitter: Gates liege in Bezug auf NFTs falsch. Er solle sich nicht von Spekulationen blenden lassen. Es handle sich um eine Technologie, bei der man gerade erst begonnen habe, an der Oberfläche zu kratzen.

Mir gefällt Beeples Antwort. Tatsächlich scheint Gates einzig auf die geldwerte Investition zu schauen und nicht auf die innovativen Möglichkeiten, die NFTs mit sich bringen. Das gilt insbesondere für Künstler und Kunstkäufer. Denn NFTs bieten unendliche Möglichkeiten der Gestaltung, Produktion und Präsentation sowie den Vertrieb.

Die Technologie bringt Dinge zusammen, die bisher überhaupt keine Berührungspunkte hatten, deren Zusammenspiel man nicht für möglich gehalten hätte. Ein aktuelles Beispiel aus meiner eigenen, Arbeit: ein Kirchenfenster als NFT, gestaltet von Bernhard Adams. Der erst 32 Jahre alte Meisterschüler von Katharina Grosse, einer der bekanntesten deutschen Gegenwartskünstlerinnen, konzipierte das neue Rosettenfenster der Immanuelkirche in Königstein im Taunus. Das Projekt habe ich seit Beginn im Jahr 2020 kunsthistorisch begleitet.

Bis zum heutigen 8. Juli wird das Werk in drei digitalen Einzelstücken als NFTs versteigert – als das erste Kirchenfenster weltweit. Warum ist das für die Kunstwelt so bedeutsam? Nicht nur, dass die Käufer den fälschungssicheren und handelbaren Entwurf eines Kirchenfensters besitzen und sogar mit einem digitalen NFT-Bildschirmrahmen bei sich aufhängen können.

Vielmehr geht es doch darum, bestehende Grenzen zu überwinden und Möglichkeiten auszuloten, die – genau wie Beeple schreibt – noch gar nicht überschaubar sind. In der Immanuelgemeinde verbindet die Technologie auf innovative Weise das Alte und das Neue: der Entwurf am Computer und die jahrhundertealte Glaskunst. Was könnte es Spannenderes für Künstler und Kunstinteressierte geben? Für die gesamte Kunstwelt ist die NFT-Technologie daher ein Meilenstein.

Die Autorin ist promovierte Kunsthistorikerin und Kunstmarktexpertin. Ihr aktuelles Buch: „Kunst kaufen“ (Springer).

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