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Ketzerische Gedanken

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Von: Wolfgang Kessler

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Sollte der Staat nicht Prämien an diejenigen bezahlen, die ihr Auto stilllegen statt mit Milliarden Euro Parkraum, Straßen, E-Mobile und Dienstwagen zu fördern und den Autoverkehr anzuheizen.

Der Widerspruch könnte größer kaum sein: Laut Wuppertal-Institut wünschen sich knapp 80 Prozent der Bürgerinnen und Bürger weniger Autos in ihrer Gemeinde. Rund 40 Prozent könnten sich vorstellen, zukünftig auf ihr Auto zu verzichten. Doch die Realität entwickelt sich ganz anders. Ende 2020 waren in Deutschland mehr als 48 Millionen Autos zugelassen – sieben Millionen mehr als zehn Jahre zuvor.

Ist es deshalb nicht Zeit für einen fast ketzerischen Gedanken? Sollte der Staat nicht Prämien an diejenigen bezahlen, die ihr Auto stilllegen statt mit Milliarden Euro Parkraum, Straßen, E-Mobile und Dienstwagen zu fördern und den Autoverkehr anzuheizen.

In der badische Kleinstadt Denzlingen (14 000 Menschen) und in der Großstadt Bielefeld gibt es diese Prämien. Wer in Denzlingen sein Auto abmeldet und sich verpflichtet, für drei Jahre kein neues Auto anzuschaffen, erhält seit einigen Monaten 500 Euro – als Zuschuss für eine Regiokarte, ein Abo für den ÖPNV oder für ein E-Bike. Knapp hundert Autos wurden abgemeldet.

In Bielefeld können die Menschen wählen: Zwischen einer Prämie von 1000 Euro, wer drei Jahre auf ein Auto verzichtet. Mehr als hundert Autofahrer haben sich dafür entschieden. Oder aber für eine Prämie von 400 Euro an jene, die ihr Auto für drei Monate abmelden, um mal ein autofreies Leben zu erproben. Dafür war der Andrang so groß, dass das Geld nicht für alle reichte. Jetzt entscheidet das Los.

Das sind erste Versuche, aber sie zeigen, dass Interesse besteht. Deshalb fordern die Verkehrsexperten des Wuppertal-Instituts eine Prämie von 2000 Euro für alle Personen in Deutschland, die ihr Auto abschaffen und mehrere Jahre kein neues anschaffen. Dies reicht für eine Jahreskarte des ÖPNV oder auch als beträchtliche Anzahlung für ein E-Bike. Die Finanzierung solle über die Einsparung bei Subventionen für Dienstwagen, für Parkraum oder für E-Autos erfolgen.

Zugegeben, die Anträge für diese Prämie würden kaum in die Millionen gehen. Die Maßnahme hätte aber Signalwirkung. Sie würde eine echte Abkehr von einer Verkehrspolitik markieren, die zuerst den Autoverkehr fördert und dabei hinnimmt, dass Städte von Autos überrollt werden und oft nicht mehr sind als Straßen voller parkender PKW mit einigen Häuserzeilen dazwischen.

Der Autor ist Wirtschaftspublizist. Von ihm erschien zuletzt das Buch „Macht Wirtschaft. Ökonomie verstehen und verändern“.

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