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Kabinettssitzung in Berlin: Panik schieben  nur die, die an ihren Sesseln kleben.

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Nur keine Panik!

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Wie Volksparteien sich erneuern können.

Die alten Volksparteien sind ins Fadenkreuz der sozialen Medien geraten. Zunächst von rechts, nun auch von links werden sie auf Twitter, Youtube und Facebook beschossen. Manchmal reicht schon ein 140 Zeichen-Tweet oder ein 50-minütiges Video von Rezo, um Regierungsparteien ins Straucheln zu bringen. Es ist etwas in Bewegung geraten. Brauchen CDU, SPD und Co. ein update oder ist es selbst dafür schon zu spät?

Zwei Gründe sprechen für eine Erneuerung und gegen die Verschrottung. Erstens: Politische Bewegungen jeglicher Art folgen einem zutiefst demokratischen Impuls. In der Demokratie haben die politisch Mächtigen ihre Privilegien nur geliehen. Auf Zeit! Es gibt eine Reihe von doppelten Sicherungen im System, um Eliten in Schach und Balance zu halten. Sie sind auf Mehrheiten angewiesen, und wenn diese kippen, dann ist das ein starkes, systemimmanentes Signal, sich zu bewegen und zu verändern. Kein Grund zur Panik!

Panik schieben nur diejenigen, die an ihren Sesseln kleben. Dahinter verbirgt sich aber weniger eine menschliche Schwäche als ein Konstruktionsfehler politischer Karrieren und parteipolitischer Rekrutierung. Das Hochjubeln einzelner Persönlichkeiten verkennt die Zufälligkeit von Karrierepfaden und die Hilfe Dritter und verknappt zudem unnötig die Riege möglicher Nachfolger.

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Unsere tägliche Kolumne von Gastautorinnen und Gastautoren im Wirtschaftsteil. Heute: Hilke Brockmann, Soziologin.

Dabei sind gute Leute gar kein rares Gut, so der zweite Grund. Man muss sie nur reinlassen und durchlassen. Volksparteien tun gut daran, für mehr Mobilität in den eigenen Reihen zu sorgen. Der ewige Stallgeruch und die räumliche Bindung von Politikerkarrieren vergraulen innovative Seiteneinsteiger und mobile Querdenker. In der Summe diskriminieren sie besonders junge Menschen.

Um mehr Demokratie zu wagen, müssen Volksparteien aber auch das Verlieren und Versagen zum Teil ihrer politischen Kultur machen. In der IT-Branche kokettieren Unternehmer mit ihrem Scheitern. Wer in der Politik Platz für neue Leute und neue Ideen will, muss dem Verlierer einen Abgang mit Respekt verschaffen. Kein Postenschachern sondern zweite Chancen, Karrieren außerhalb der Politik und die Möglichkeit, sich selbst im fortgeschrittenen Alter neu zu erfinden.

Damit könnten Volksparteien sogar zu Trendsettern werden, denn sowohl den Populisten als auch den meisten Wirtschaftsbetrieben fehlt es an Mut zur Veränderung.

Die Autorin ist Soziologin. Sie arbeitet derzeit am European University Institute.

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