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Im Abschwung droht das Comeback der Ruck-Reden, die einst der „alternativlosen“ Agenda 2010 den Weg bereiteten.

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Keine neuen Ruck-Reden

Warum die Politik trotz Abschwungs gestalten kann.

Der Aufschwung scheint zu Ende zu gehen. Er hat den Deutschen nach langer Zeit wieder Reallohnsteigerungen gebracht und die Leitvorstellung erschüttert, dass ein moderner Staat seine Leistungen nicht weiter ausbauen dürfe. Dennoch: Die Politik wusste mit dem Boom nicht so recht etwas anzufangen. Die Sorge um die soziale Sicherheit, die Infrastruktur oder den Klimawandel sind allenfalls zaghaft angegangen worden. Kaum anzunehmen also, dass die Bundesregierung nun ausgerechnet im Abschwung visionäre Konzepte entwickelt. Schlimmer noch: Sie könnte in alte Denkmuster verfallen, wonach bessere Wachstumsbedingungen nur mit sozialen Einschnitten zu haben sind.

Diese Gefahr ist real, denn unser „ökonomisches Urvertrauen“ ist ohnehin erschüttert. Die Wachstumsraten sinken seit Jahrzehnten unaufhaltsam, unserer Wirtschaft scheint auf lange Sicht die Kraft auszugehen. Allein: Diese Sorge beruht auf einer von Grund auf falschen Vorstellung, wie Volkswirtschaften wachsen: Konstante Zuwachsraten würden ein sich immer weiter beschleunigendes Wachstum erfordern. Das aber gab es in den letzten sechs Jahrzehnten nicht, weder in der Bundesrepublik noch in nahezu allen anderen entwickelten Volkswirtschaften. Dem Lehrbuch zum Trotz ist unsere ökonomische Realität eine lineare und erstaunlich stabil. Die deutsche Volkwirtschaft legte seit 1950 in jeder Dekade um real rund 300 Milliarden Euro zu.

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Unsere tägliche Kolumne von Gastautorinnen und Gastautoren im Wirtschaftsteil. Heute: Kay Bourcarde. Der Autor hat mit Karsten Herzmann das Buch „Die Scheinkrise – Warum es uns besser geht als je zuvor und wir dennoch das Gefühl haben zu scheitern“ (Wochenschau Verlag) veröffentlicht.

Lineares Wachstum führt aber mathematisch zwangsläufig zu sinkenden Zuwachsraten – und das wiederum zu der Fehldiagnose, wir hätten es mit einer grundsätzlich labilen Ökonomie zu tun. Diese Sorge zieht sich durch alle konjunkturellen Hochs und Tiefs. Der Aufschwung erscheint dadurch mäßig und fragil, der Abschwung härter und länger. Im Boom der vergangenen Jahre reagierte die Politik daher verhalten. Man wollte das scheinbar zarte Wachstumspflänzchen nicht zerstören. Im Abschwung droht nun das Comeback jener Ruck-Reden, die einst der „alternativlosen“ Agenda 2010 den Weg bereiteten.

Die Realität aber ist: Wir wachsen unverdrossen weiter und zwar mit der gleichen Dynamik wie während der sogenannten Wirtschaftswunderjahre. Politik kann also gestalten, wenn sie will. Auch im Abschwung.

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