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Kein Stoff für Smalltalk

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Von: Claudia Cornelsen

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Es gibt keinen Ort mehr, an dem einfach nur Frieden herrscht. Wir reden über den Krieg immer und überall.
Es gibt keinen Ort mehr, an dem einfach nur Frieden herrscht. Wir reden über den Krieg immer und überall. © Efrem Lukatsky/dpa

Wer in der Teeküche genauso über die Morde in Kiew plaudert wie sonst über den Mörder im Tatort, gamifiziert das Elend der Welt. Die Kolumne „Gastwirtschaft“. 

Sagt Nein zum Krieg – das ist gerade das Gebot der Stunde. Zu Recht. Die emotionale Erschütterung von uns Laien geht Hand in Hand mit den mehr oder weniger ratlosen Erklärungsversuchen um Sachlichkeit bemühter Experten. Und so blicken wir fast stündlich ins Handy, um an den neusten Nachrichten abzulesen, wie nah die Front uns auf die Pelle rückt. Denn niemand weiß, ob die russischen Panzer nach der ukrainischen Grenze nicht auch weitere Grenzen überrollen werden.

Jetzt den normalen Arbeitsalltag zu bewältigen, der schon seit Pandemiebeginn gar nicht mehr normal war, scheint fast unmöglich. Selbst die sonst so leidenschaftliche ARD-Sportmoderatorin Esther Sedlaczeks gestand am DFB-Pokalabend, Fußball sei gerade furchtbar banal. Der Komiker Aurel Mertz spottete auf Twitter, dass man nun beim ersten Date klären müsse, ob man das Mutterland im Krieg verteidigen werde.

Es gibt keinen Ort mehr, an dem einfach nur Frieden herrscht. Wir reden über den Krieg immer und überall. In der Fabrik, in der Praxis, im Büro. In der Bahn, im Supermarkt, im Café. Selbst aufs Klo nehmen wir das Handy mit, um bloß nicht den Moment von Sieg oder Niederlage zu verpassen.

Dabei ist für die meisten von uns in Deutschland dieser Krieg nicht anders als die Kriege der letzten Jahre. Die Bilder aus Syrien, Afghanistan und dem Jemen sind genauso schrecklich und kaum zu ertragen wie die aus der Ukraine. Auf Wikipedia findet sich eine Liste der bis heute andauernden Kriege, die einen schaudern lässt.

Doch egal ob Philippinen, Irak, Myanmar oder Südsudan – der durchschnittliche deutsche Alltag bleibt davon unberührt. Nein, es liegt nicht an der kurzen Distanz. Aleppo ist näher an Berlin als Teneriffa. Sittwe ist näher an Stuttgart als die Strände von Rayong. Und nach Mali haben es Münchner auch nicht weiter als bis nach Marokko.

Der Krieg in der Ukraine findet in unseren Köpfen statt. Und, ja, es ist gut, dass wir für Frieden und Freiheit demonstrieren. Aber nein, das müssen wir nicht rund um die Uhr tun. Wer in der Teeküche genauso über die Morde in Kiew plaudert wie sonst über den Mörder im Tatort, gamifiziert das Elend der Welt. Krieg ist grausam, brutal, ungerecht, unerbittlich, und ganz sicher kein Stoff für Smalltalk. Deswegen gilt auch in der Teeküche: Plaudert übers Wetter, über Fußball oder das Kantinenessen, aber sagt Nein zum Thema Krieg!

Die Autorin ist Kommunikationsberaterin.

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