Youtube, Facebook und Co. sind so aufgebaut, dass sie die Verbreitung von Verschwörungen begünstigen.
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Youtube, Facebook und Co. sind so aufgebaut, dass sie die Verbreitung von Verschwörungen begünstigen.

GASTWIRTSCHAFT

Wut klickt

Um Fake News zu bekämpfen, müssen die Bürger dringend digital alphabetisiert werden.

War der öffentliche Diskurs über die Corona-Pandemie zu Beginn noch geprägt von der Begeisterung über Christian Drostens Podcast und neue Formen der Wissensvermittlung, stecken wir drei Monate später mitten in einer Debatte über Desinformation. Das liegt auch daran, dass Social-Media-Plattformen und Verschwörungsmythen eine unheilige Allianz eingehen. Youtube, Facebook und Co. sind so aufgebaut, dass sie die Verbreitung von Verschwörungen begünstigen, weil sich Menschen empören. Wut klickt gut. Dabei ist egal, ob ich dem geteilten Beitrag zustimme oder mich darüber aufrege, denn in beiden Fällen schenke ich ihm meine Aufmerksamkeit: Die begehrteste digitale Währung.

Um sich diesem Sog zu entziehen, braucht es konkrete Fähigkeiten und Wissen über digitale Aufmerksamkeitsökonomien: Wieso wird mir dieses Video vorgeschlagen? Ist der Urheber eines Artikels eine Expertin, ein Journalist oder der Freund von einer Freundin? Es gibt zahlreiche wichtige Forderungen danach, Plattformen und Messenger-Anbieter im Kampf gegen Desinformationen in die Pflicht zu nehmen und stärker zu regulieren. Gerade die Corona-Pandemie ist ein Beispiel dafür, mit welchen Mitteln Plattformen ihren Nutzern zusätzliche Informationen anbieten können.

Gleichzeitig wird deutlich: Infokästchen auf Twitter oder Youtube allein reichen nicht. Das mag auch daran liegen, was erste Studien andeuten: Kaum jemand findet sich online wirklich gut zurecht. Viele Jugendliche sind nicht dazu in der Lage, die Quelle einer Webseite richtig einzuordnen und alle Altersgruppen haben gleichermaßen große Probleme, Online-Werbung von anderen Beiträgen zu unterscheiden.

Das Bestreben, mehr Informationen zur Verfügung zu stellen, mag gut gemeint sein. Doch diese Informationen reihen sich ein in den unaufhaltsamen Strom an Beiträgen, Kommentaren und Empfehlungen und führen zu Überforderung. So lange wir uns nur über Verschwörungsmythen und Plattformpolitiken echauffieren und voller Angstlust den Telegram-Channel von Attila Hildmann und Youtube-Videos von KenFM verfolgen, aber nicht systematisch daran arbeiten, Kinder, Jugendliche und unbedingt auch Erwachsene digital zu alphabetisieren, werden wir den Kampf gegen Desinformation verlieren.

Die Autorin Anna-Katharina Meßmer ist Expertin für die Stärkung digitaler Öffentlichkeiten bei der Stiftung Neue Verantwortung.

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