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Inflation und Narrative

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Von: Carsten Herrmann-Pillath

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Die Inflation hält weiter an.
Die Inflation hält weiter an. © Frank Rumpenhorst/dpa

Eine Zinspolitik mit Augenmaß ist jetzt gefordert, die Teuerung nicht gleichsetzt mit einer „Münzverschlechterung“.

Der moderne Begriff der Inflation beinhaltet die beiden alten Begriffe der Teuerung und der Münzverschlechterung. Die derzeitige Wirtschaftslage zeigt, wie wichtig diese Differenzierung ist. Führende US-Ökonomen vertreten diametral entgegengesetzte Meinungen zur Geldpolitik. „The Economist“ konstatiert, wie wenig die Wirtschaftswissenschaft über Inflation wisse. Klar ist, wir erleben eine Teuerung, getrieben durch Faktoren wie explodierende Energiepreise und Verwerfungen in den Lieferketten. Aber gibt es auch eine Münzverschlechterung? Nein.

In modernen Geldsystemen ist Münzverschlechterung der Verlust des Vertrauens in die Notenbank. Vertrauen ist zukunftsgerichtet: Aktuelle Trends der Preise sind nur dann relevant, wenn sie die Inflationserwartungen beeinflussen und damit das Vertrauen. So wird ein psychologischer Faktor entscheidend, der Nobelpreisträger Robert Shiller spricht von Narrativen.

Das bedeutet, wir können Inflation herbeireden – oder wegreden! Es ist gefährlich, einfach zu schließen, wenn die Teuerung weiterschreitet, müsse die Zinsschraube weiter angezogen werden. Entscheidend ist, welche Narrative die Zinspolitik in unterschiedlichen Gesellschaftsgruppen begleiten.

Hohe Zinsen können kontraproduktiv wirken, denn steigende Finanzierungskosten beeinträchtigen die Fähigkeit von Firmen und Staat, durch Investitionen großen Herausforderungen wie der Energiewende zu begegnen. Noch grundlegender: Hohe Zinsen schrumpfen die Zeithorizonte aller Akteure, während jetzt das Gegenteil geboten ist, die sehr lange Sicht.

Zinspolitik mit Augenmaß ist gefordert, die Teuerung nicht gleichsetzt mit Münzverschlechterung. Inflations-Narrative können fatale Folgen haben, stellen sich die Akteur:innen erst einmal auf diese ein. Werden Lohnerhöhungen gefordert, weil die Preise steigen – und nicht, um die Arbeitnehmer:innen endlich angemessen an den Gewinnen der Unternehmen zu beteiligen -, dann ist deren leichte Antwort, dass sie weitergereicht werden: die berühmt-berüchtigte Lohn-Preisspirale.

Aber muss das so sein? Reden wir Inflation her? Japans zwei Dekaden der Deflation haben die Ohnmacht einer eng verstandenen Geldpolitik demonstriert. Natürlich ist es leichter, am Strick zu ziehen – doch was nützt es den von Teuerung Betroffenen, wenn sie durch steigende Zinsen Opfer einer Rezession mit dem Verlust ihres Arbeitsplatzes werden?

Der Autor ist Volkswirt und Professor und Fellow am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt. Demnächst erscheint von ihm das Biuch „A New Principles of Economics“ (https://doi.org/10.4324/9781003094869).

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