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Inflation neu denken

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Von: Beate Bockting

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Höhere Zinsen haben die USA nicht vor Inflation geschützt – im Gegenteil, sie liegt dort höher als in Deutschland.
Lebensmittelmarkt in New York: Höhere Zinsen haben die USA nicht vor Inflation geschützt – im Gegenteil, sie liegt dort höher als in Deutschland. © Richard B. Levine/Imago

Wir müssen alte Denkmuster aufgeben. Zur Inflationsbekämpfung eignen sich Zinsanhebungen nicht. Die Kolumne „Gastwirtschaft“.

Bei 5,2 Prozent Inflation erhoffen sich viele vom neuen Bundesbankpräsidenten Joachim Nagel, er möge sich im EZB-Rat für eine Beendigung der lockeren Geldpolitik einsetzen. Denn dadurch wurde doch die Aufblähung der Geldmenge herbeigeführt? Steht der gesamtwirtschaftlichen Gütermenge eine zu große Geldmenge gegenüber, droht Inflation, so haben wir es gelernt! Und Inflation bekämpft man mit höheren Zinsen, auch das haben wir gelernt.

Die Europäische Zentralbank hat aber bisher nur angekündigt, die Nettokäufe des Corona-Anleihekaufprogramms im März zu beenden. Zinserhöhungen hat sie nicht angekündigt. Neidisch schielen viele Richtung USA, wo die Notenbanker für 2022 mit drei Zinsanhebungen um jeweils 0,25 Prozentpunkte rechnen. Während die Banken im Euroraum immer mehr unter Druck stehen, negative Zinsen an Privateinleger, Unternehmen oder Kommunen weiterzugeben, hat die Federal Reserve in den letzten Jahren durch sogenannte Reverse-Repo-Geschäfte ein Absinken des Geldmarktsatzes unter null verhindert.

Doch wir müssen endlich umlernen: Denn höhere Zinsen haben die USA nicht vor Inflation geschützt. Im Gegenteil, die Inflation liegt dort mit 6,8 Prozent höher als bei uns.

Die Negativzinsen im Euroraum treffen meist nur Einleger, die mehr als 25 000 oder 50 000 Euro täglich fällig halten, während die Inflation überall auf der Welt vor allem diejenigen trifft, die die sinkende Kaufkraft nicht durch höhere Löhne ausgleichen können. Oder die sie nicht aus Ersparnissen kompensieren können, weil sie gar keine haben.

Es war der jahrzehntelang positive Zins, der die Ersparnisse (und damit auch die Geldmengen) exponentiell hat anschwellen lassen. Seitdem der Zins gesenkt werden musste, weil niemand mehr das zusätzliche Geld für dieses zinsbedingte Wachstum der Ersparnisse aufbringen konnte, sind die Zentralbanken zum Gelddrucken durch Anleihekäufe übergegangen.

Dieser Zwang zum Gelddrucken ist genauso eine Folge des nicht fließenden Geldes wie überhöhte Zinsen. Beides führt zu Inflation. Zur Inflationsbekämpfung eignen sich Zinsanhebungen nicht. Bessern wird sich die Gesamtlage erst, wenn wir endlich fließendes Geld einführen, also ein Geld, das nicht aufgrund eines positiven, sondern aufgrund eines negativen Zinses zirkuliert.

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