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In die Falle gelockt

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Von: Roman Herre

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Durch den Preisanstieg von Kunstdüngern droht afrikanischen Kleinbauern der Ruin. (Symbolbild)
Durch den Preisanstieg von Kunstdüngern droht afrikanischen Kleinbauern der Ruin. (Symbolbild) © Ben Birchall/dpa

Seit Jahren drängen internationale Geber und Agrofirmen die bäuerliche Landwirtschaft in Afrika dazu, auf Kunstdünger zu setzen. Vielen Kleinbauern droht jetzt die Überschuldung. Die Kolumne „Gastwirtschaft“.

Die Preise von Kunstdünger schießen weltweit durch die Decke. Seit Beginn der Pandemie haben sie sich teilweise verdreifacht. Die afrikanische Düngemittelindustrie geht davon aus, dass die Anwendung um etwa ein Drittel schrumpfen wird, da sich viele den teuren Dünger nicht mehr leisten können. Demnach sind geringere Ernten zu erwarten.

Verschwiegen wird bei diesem populären Dreisatz ein großer Teil des Kontextes: Seit vielen Jahren drängen internationale Geber und Agrarunternehmen die bäuerliche Landwirtschaft in Afrika in ein industrielles Agrarmodell, bei dem die Anwendung von Kunstdünger im Zentrum steht. Beispielsweise über die mit einer Milliarde US-Dollar dotierte Initiative Agra (Alliance for a Green Revolution in Africa), die auch von der Bundesregierung finanziert wird. Das von Agra angepriesene Hybridsaatgut, welches jedes Jahr neu gekauft werden muss, ist auf die Zufuhr von Kunstdünger angewiesen.

Die Logik solcher Projekte ist immer die gleiche: „Nehmt Kredite auf und kauft teures Saatgut, Kunstdünger und die dazu passenden Pestizide. Dann erntet ihr so viel, dass ihr euren Kredit locker zurückzahlen könnt.“ Das Risiko, dass diese Rechnung nicht aufgeht, ist jedoch hoch und angesichts des Klimawandels wachsend. Schon vor der Pandemie haben sich so viele Kleinbäuerinnen und -bauern überschuldeten.

Nun wächst das Überschuldungsrisiko durch die explodierenden Düngemittelkosten stark an. Ein Umstieg auf alternative Anbaumethoden ist in der Verschuldungsfalle kaum zu schaffen. Eine Verantwortung hierfür trägt auch die Bundesregierung – sehr konkret in den von ihr mitfinanzierten Projekten wie Agra.

Damit nicht genug: Die Entwicklungszusammenarbeit profitiert sogar von den gestiegenen Preisen. Denn die großen Kunstdüngerfirmen in Afrika werden systematisch von ihr finanziert. So fließen über Kredite oder Beteiligungen deren Gewinne auch nach Deutschland.

Neben schnellen Antworten auf eine sicherlich leise – weil ländliche – Überschuldungswelle in Afrika muss das Entwicklungsministerium die weiter steigenden Kunstdüngerpreise zum Anlass nehmen, deutlich umzusteuern. Kostenarme lokalen Kreislaufsystemen sind gefragt. Das Modell der Agrarökologie liegt als Antwort auf dem Tisch!

Der Autor ist Experte für Landwirtschaft, Landkonflikte und Agrarhandel des Food First Informations- und Aktions-Netzwerks(Fian).

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