In Afrika wird zu viel Mais angebaut und zu wenig nahrhafte Hirse und Sorghum.
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In Afrika wird zu viel Mais angebaut und zu wenig nahrhafte Hirse und Sorghum.

Gastwirtschaft

Hunger trotz Ernterekorden

  • Roman Herre
    vonRoman Herre
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Die Zahl der Menschen mit chronisch unsicherer Ernährungslage steigt. Das ist auch das Ergebnis einer verfehlten Entwicklungspolitik.

Im Jahr 2015 hat die Weltgemeinschaft beschlossen, den Hunger bis 2030 ganz zu beenden. Seitdem wächst jedoch im fünften Jahr in Folge die Zahl der chronisch hungernden Menschen – auf heute 690 Millionen. Eine bittere Bilanz, die sich durch die Corona-Pandemie nochmals deutlich verschlimmern wird. Als Ursachen werden in den Medien vor allem Klimawandel, Bevölkerungswachstum und Kriege genannt. Die steigenden Hungerzahlen sind aber auch das Ergebnis einer verfehlten Entwicklungspolitik.

Dem in der vergangenen Woche veröffentlichten Welthungerbericht der UN zufolge sind mehr als drei Milliarden Menschen weltweit zu arm, um sich gesund ernähren zu können. Das Beispiel Südamerika zeigt, woran es krankt: Dort werden jedes Jahr höhere Ernten eingefahren, allem voran bei Soja. Zu beobachten ist also genau jene Produktionssteigerung, die uns als Allheilmittel zur Hungerbekämpfung verkauft wird. Parallel dazu steigt jedoch der Hunger. Die Zahl der „mittel bis schwer ernährungsunsicheren“ Menschen wuchs in den vergangenen fünf Jahren gewaltig um 45 Millionen.

Laut UN-Bericht gibt es zudem in den meisten armen Ländern, besonders in Afrika, einen großen Mangel an gesunder Nahrung, vor allem an Gemüse und Obst. Dies hat wenig mit Konflikten oder dem Klimawandel zu tun. Eine Studie untersuchte nun 13 afrikanische Länder, in denen die Industrialisierung der Landwirtschaft durch das öffentlich-private Milliardenprogramm AGRA forciert wird. Das Ergebnis: Anbauflächen und Ernten sind bei Mais-Monokulturen stark gewachsen – auf Kosten des Anbaus nahrhafter Lebensmittel wie Hirse oder Sorghum.

Der Zusammenhang ist recht simpel: Internationale Agrarkonzerne haben sich auf wenige Pflanzen mit Produktpaketen aus Saatgut, Dünger und Pestiziden spezialisiert. So ist es mit Abstand am einfachsten und lukrativsten, diese vorhandenen Pakete zu verkaufen. Es hilft jedoch schlicht nicht bei der Hungerbekämpfung. In den 13 Ländern stieg der Hunger um 30 Prozent.

Wäre dann nicht eine groß angelegte Gartenbau-Initiative für Afrika deutlich vielversprechender? Warum wird dies nicht gemacht? Weil die tonangebenden Akteure – Staaten wie Konzerne – solche Selbstversorgungsbereiche in ihren Entwicklungsstrategien ideologisch stigmatisieren.

Der Autor ist Experte für Landwirtschaft, Landkonflikte und Agrarhandel des Food First Informations- und Aktions-Netzwerks.

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