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Um Nichtmedikamente tobt ein erbitterter Streit.

Wirtschaftskolumne

Homöopathie, die fiktionale Medizin

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Wie kommt es zum Erfolg der Homöopathie angesichts fehlender Nachweise ihrer Wirksamkeit? Die Wirtschaftskolumne, heute von Marcel Schütz über das Narrativ der Homöophathie.

Um die Homöopathie, auch als Komplementärmedizin bekannt, tobt seit langem Streit. Während die Forschung ihre Wirksamkeit verneint, stößt das Angebot bei Patienten auf Interesse. Wie kommt es zum Erfolg der Homöopathie angesichts nicht vorliegender Nachweise? Eine Deutung findet sich in einem Journal für Erzählforschung („Diegesis“ 2018, 1). Hierin ist von der Literaturwissenschaftlerin Sophia Wege ein Aufsatz über das „Narrativ der Homöophathie“ zu lesen.

Homöopathie imitiert schulmedizinische Texte - das Nichtmedikament wird zum Medikament

Erhellend rekonstruiert die Autorin eine erzählförmige Darstellung homöopathischer Produkte. So wird gezeigt, wie die Homöopathie schulmedizinische Texte imitiert und eine eigene Bedeutungskulisse errichtet. Obwohl homöopathische Präparate als unbedenklich gelten, soll sich der Patient über Fahrtüchtigkeit, Dosierung und Einnahmezeit informieren. Das Nichtmedikament wird so zum Medikament. Der Patient wirkt an seiner Heilung dadurch mit, dass er einwilligt, die Substanz als Arznei anzuerkennen. Dazu wird er an vertraute Routinen „konventioneller“ Medizin erinnert. Es kommt zur Verschmelzung faktualer Praktiken und fiktionaler Zusätze.

Marcel Schütz

Wie es gelingt, eine der Schulmedizin ebenbürtige Optik herzustellen, zeigt sich auch bei Warnhinweisen: Präparate (z. B. hochverdünntes Petroleum) ab der Potenz D 30 sind „der ärztlichen Behandlung vorbehalten“. Homöopathische Präparate in hoher Potenz werden, wie es heißt, für „chronische Krankheiten“, empfohlen. Je höher die Potenz desto mehr Verdünnung und desto stärker die behauptete Heilwirkung.

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Homöopathie: Auch Schulmediziner bieten sie an

Gastwirtschaft

Unsere tägliche Kolumne von Gastautorinnen und Gastautoren im Wirtschaftsteil.

Heute: Marcel Schütz, Research Fellow im Fach Betriebswirtschaft an der Northern Business School Hamburg. Daneben lehrt er Soziologie an der Universität Bielefeld.

Dass auch Schulmediziner homöopathische Dienste anbieten, macht es noch diffuser. Dies kann so interpretiert werden, dass angesichts von Vertrauensverlust Hausärzte nach Wegen suchen, ihre Expertenrolle zu sichern, und daher defensiv motiviert alternative Heilkünste anbieten.

Wie aber politisch verfahren? Wenig zuträglich erscheint es, alternative Angebote nur mit Hohn und Spott zu belegen. Ausgangspunkt ist Zweifel an der Schulmedizin. Hier ist auf Patienteninformation zu setzen. Regierungen und Krankenkassen müssen eigenständig bleiben und im Lichte evidenzbasierter Prüfung entscheiden. Die Aufgabe der Schulmedizin dürfte es sein, beim Versuch, neue Anerkennung zu gewinnen, sich nicht durch fragwürdige Annäherung zu deprofessionalisieren.

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