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Selbstversorger wie die Familie Schimmel aus Mecklenburg-Vorpommern sind Suffizienz-Pioniere.

„Gastwirtschaft“

Helden und Steuern: Ein Preis auf CO2 muss nicht unpopulär sein

Ökosteuern und Ökohelden sollten nicht als Entweder-oder diskutiert werden. Auf die intelligente Gestaltung der Steuer kommt es an. Die Wirtschaftskolumne.

Eine CO2-Steuer mit ökologischer Lenkungswirkung sei politisch nicht durchsetzbar. Wer so eine Steuer einführt, werde abgewählt, meint Wachstumskritiker Niko Paech. Zielführender sei ein Aufstand der Handelnden: Suffizienz-Pioniere sollten vorleben, wie man mit einer nachhaltigen Menge CO2 auskomme und dann, aus der Nische heraus, der Politik Rückhalt geben. Die Arbeitszeit solle auf 20 bis 30 Stunden ohne Lohnausgleich gesenkt werden. Sinkende Einkommen könnten über Selbstversorgung kompensiert werden.

Doch warum sollten Menschen Suffizienz-Pionieren folgen, wenn gesellschaftlicher Status mit finanziellem Erfolg und Statuskonsum verbunden ist? Für viele scheint es naheliegender, Randgruppen und Fremde auszugrenzen, um die schwindenden Ressourcen für die eigene Gruppe zu sichern. Ist es realistisch und fair zu verlangen, dass Menschen, die weder Top-Verdiener noch Erben sind, auf die Hälfte ihres Einkommens verzichten? Die Frage stellt sich insbesondere in einem System, in dem Sozialleistungen und Altersversorgung an Arbeit gekoppelt sind.

Gastwirtschaft

Unsere tägliche Kolumne von Gastautorinnen und Gastautoren im Wirtschaftsteil. Heute: Silke Ötsch, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen.

Wenn Menschen trotzdem als Suffizienzpioniere leben, ist das löblich. Ein Blick auf Mikroprojekte der 1970er Jahre, Ökodörfer, Transition Towns und sonstige alternative Projekte zeigt, dass hier wertvolle Erfahrungen gesammelt werden. Die Initiativen haben aber keinen radikalen Wandel bewirkt. Zu beobachten ist eher eine Vermarktlichung der Projekte oder eine Überforderung des idealistischen Einzelnen.

Eine strukturelle Unterstützung der Pioniere liegt also nahe. In der Transition-Theorie zählt die Interaktion der unteren, mittleren und übergeordneten Ebene: Die untere Ebene experimentiert, auf der mittleren Ebene vernetzen und verdichten sich die Mikroprojekte, die obere Ebene unterstützt Wandel durch dauerhaftere Institutionen wie Gesetze und Steuern.

Silke Ötsch.

Müssen Steuern per se unpopulär sein? Studien haben gezeigt, dass Steuern tendenziell akzeptiert werden, wenn sie dem Prinzip folgen, dass Menschen gleich behandelt werden. Ein zweites akzeptanzförderndes Prinzip besagt, dass eine Steuer für ungerechtfertigte Privilegien kompensieren sollte. Ökosteuern und Ökohelden sollten nicht als Entweder-oder diskutiert werden. Auf die intelligente Gestaltung der Steuer kommt es an.

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