UN-Generalsekretär Antonio Guterres.
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Vereinbarte eine strategische Partnerschaft mit dem Weltwirtschaftsforum in Davos: UN-Generalsekretär Antonio Guterres.

Gastwirtschaft

Globaler Aufschrei

  • Thomas Gebauer
    vonThomas Gebauer
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Die Vereinten Nationen stehen am Scheideweg.

Von großen Hoffnungen getragen entstanden vor 75 Jahren die Vereinten Nationen. Nie wieder sollten die Verhältnisse in der Welt gewaltförmig eskalieren; endlich sollte das Recht auf ein würdiges Leben für alle Menschen verwirklicht werden. Bekanntlich sind die Dinge anders gekommen. Zwar ist die Welt näher zusammengerückt, doch zu einem sicheren Ort wurde sie nicht. Im Gegenteil. Nicht Gerechtigkeit und Frieden bestimmen heute das Geschehen in der Welt, sondern Krisen und tiefe soziale Spaltungen. Die gegenwärtigen Herausforderungen sind groß; das Bemühen um globale Lösungen dringender denn je. Doch ausgerechnet in dem Augenblick, in dem internationale Kooperation nötig wäre, suchen mehr und mehr Länder ihr Heil in Alleingängen und Abschottung.

Die Krise des Multilateralismus spiegelt sich auch im Zustand der Vereinten Nationen. Unbemerkt von der Öffentlichkeit unterzeichnete der UN-Generalsekretär im Juni 2019 eine strategische Partnerschaft mit dem Davoser „Weltwirtschaftsforum“. Privilegierter Partner der UN wurde nicht das „Weltsozialforum“, jenes bunte und offene Treffen von Vertreter*innen aus sozialen Bewegungen, Kirchen, Gewerkschaften, lokalen und transnational vernetzten Aktivist*innen, die auf eine solidarische Welt drängen, sondern jener elitäre Zusammenschluss von Vertreter*innen aus Wirtschaft und Politik, der an der eingetretenen sozial-ökologischen Verwüstung der Welt nicht unbeteiligt war. Das Signal, das von der Partnerschaft der UN mit dem „Weltwirtschaftsforum“ ausgeht, ist fatal: Nicht die Demokratisierung der globalen Verhältnisse ist angesagt, sondern die weitere Verschmelzung von Politik mit Ökonomie.

So aber wird sich das globale Krisengeschehen nicht lösen lassen. Nachhaltige Entwicklung verträgt sich nicht mit profitorientiertem Business. Sollen die UN jemals wieder die Rolle spielen, die ihnen bei ihrer Gründung zugedacht war, müssen sie zu einer echten Repräsentanz der Weltbevölkerung werden. Es ist es höchste Zeit, den globalen öffentlichen Aufschrei, ob gegen Waffengewalt, Klimazerstörung oder Rassismus, der sich längst über alle Grenzen hinweg formiert hat, als das verstehen, was er ist. Als Ausdruck eines neuen Multilateralismus, getragen nicht von Nationalstaaten, sondern einer sich herausbildenden transnationalen Öffentlichkeit, ohne die eine menschenwürdige Gestaltung der globalen Verhältnisse nicht gelingen kann.

Der Autor ist Sprecher der Stiftung Medico International.

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