Entwicklungspolitik

Globale Bildung

  • Wolfgang Kessler
    vonWolfgang Kessler
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E-Learning eröffnet jungen Menschen in armen Regionen neue Perspektiven.

Zwei junge Frauen aus Afghanistan steigen regelmäßig von ihrem Heimatdorf auf einen Hügel. Dort haben sie Zugang zum Internet. Sie zücken ihre Smartphones und laden Lerninhalte ihres Studiums herunter. Sie sind zwei von 4000 Studierenden einer globalen Bildungsinitiative des Jesuitenordens. Die „Jesuit Worldwide Learning“ praktiziert seit zehn Jahren, was auch in Deutschland seit der Corona-Krise verstärkt gefordert wird: Digitales Lernen. Doch ihre Studierenden kommen aus Ländern wie Afghanistan, Myanmar, Irak, Jordanien, Kenia, Malawi oder vielen anderen. Manche studieren auch in Flüchtlingslagern.

Das globale E-Learning funktioniert nach einem ausgefeilten Konzept: In Regionen mit stabilem Internetzugang liefern Dozenten von Universitäten in Europa und den USA das Lehrmaterial an die Laptops der Studierenden. Zu bestimmten Zeiten stehen ihnen die Dozenten online Rede und Antwort, bilden mit den Studierenden eine Art globalen Klassenraum. Vor Ort werden sie von Mentoren begleitet. Wöchentlich verfassen die Studierenden Essays, die von Dozenten bewertet werden.

In Regionen mit schwankendem Internet-Empfang bauen Partnerorganisationen der Universitäten oder NGOs vor Ort zentrale Hotspots mit gutem Empfang auf. Wie die Frauen in Afghanistan laden die Studierenden die Lehrmaterialien von diesen Hotspots auf ihre Smartphones herunter, um den Lernstoff offline zu Hause in ihren Dörfern zu verarbeiten. Dann schicken sie ihre Essays per Internet zurück. Die Kosten für die Honorare von Dozenten, die Technologien, die Mentoren, werden zwischen Universitäten, NGOs und Kirche aufgeteilt.

Dabei vermitteln die Jesuiten nicht die katholische Lehre. Ihr Ziel ist ein „multi-ethnisches, multi-religiöses Lernen für eine nachhaltige Entwicklung“. Diese Initiative für globales E-Learning eröffnet jungen Leuten aus der ganzen Welt völlig neue Möglichkeiten, weil die Universität zu ihnen kommt. Und die Perspektiven wären noch viel größer, wenn die Entwicklungspolitiker der reichen Länder und die Vereinten Nationen dieses Konzept aufgreifen würden. Dann könnten irgendwann nicht nur 4000, sondern Hunderttausende junger Leute in armen Regionen eine akademische Ausbildung absolvieren, die heute keine Chance dazu haben. Dann wäre nicht nur die Wirtschaft global, sondern auch die Bildung.

Der Autor ist Wirtschaftspublizist. Von ihm erschien zuletzt das Buch „Die Kunst, den Kapitalismus zu verändern“.

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