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Es gibt so gut wie keine integrierten Versorgungsketten von Arztpraxen, Akut-Kliniken und Reha-Einrichtungen.

Integrierte Versorgung

Wie das Gesundheitssystem zu heilen wäre

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Missstände in Krankenhäusern: Nicht die Fallpauschalen sind nicht die Wurzel aller Übel - das Problem liegt an anderer Stelle.

Am 25. Januar 2020 empörte sich in dieser Zeitung der Chirurg Bernd Hontschik über Missstände in Krankenhäusern, die in einer Diskussionssendung des SWR-Fernsehens drei Tage zuvor geschildert wurden. Ich teile seinen Zorn über die dort berichteten Fälle und auch den Ärger über den Auftritt von zwei offensichtlich überforderten Landespolitikerinnen. Aber in einem Punkt kann ich ihm und anderen Teilnehmern der Sendung nicht folgen, nämlich in den diagnosebezogenen Fallpauschalen (DRG) die Wurzel aller Übel in den Kliniken zu sehen. Da hat man einen Sündenbock gefunden, aber keine Problemlösung.

Hartmut Reiners war Referatsleiter im brandenburgischen Gesundheitsministerium. Aktuell von ihm im Buchhandel: „Mythen der Gesundheitspolitik“.

Keine Frage, die DRGs müssen neu ausgerichtet werden. Ihre Zahl hat sich seit ihrer Einführung Anfang der 2000er Jahre fast verdreifacht. Der etwa 2000 Fallgruppen umfassende DRG-Katalog ist so kompliziert geworden, dass gut bezahlte Fachärztinnen und –ärzte immer mehr Zeit mit der Fallkodierung verbringen müssen. Das ist Ressourcenverschwendung.

Die DRGs sollten stärker auf ihre ursprüngliche Funktion als Kalkulationsbasis für Klinik- beziehungsweise Abteilungsbudgets zurückgeführt werden. Das in der Psychiatrie eingeführte Fallpauschalensystem PEPP zeigt, in welche Richtung eine DRG-Reform gehen könnte.

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Unsere tägliche Kolumne von Gastautorinnen und Gastautoren im Wirtschaftsteil. Heute: Hartmut Reiners, Ökonom und Publizist.

Aber damit wären die Stukturprobleme der Krankenhäuser nicht beseitigt. Wenn ihre Notfall-ambulanzen überlastet sind und viele Fälle stationär behandelt werden, die in anderen Ländern von Arztpraxen betreut werden, liegt das an Mängeln in der ambulanten Versorgung und vor allem an der strikten Grenze zwischen ambulanter und stationärer Behandlung.

Es gibt, von ein paar regionalen Initiativen abgesehen, keine integrierten Versorgungsketten von Arztpraxen, Akut-Kliniken und Reha-Einrichtungen. Die Sicherstellung der Krankenhausversorgung ist Sache der Länder, für die ambulante Versorgung sind die Kassenärztlichen Vereinigungen und die Krankenkassen verantwortlich. Verschärft wird diese unsinnige Trennung durch unterschiedliche Vergütungen für ambulante Leistungen in Arztpraxen und Kliniken. In der Segmentierung der Versorgungsstrukturen liegt der sprichwörtliche Hase im Pfeffer, nicht in den Fallpauschalen.

Der Autor ist Ökonom und Publizist. Er war Referatsleiter im brandenburgischen Gesundheitsministerium. Aktuell von ihm im Buchhandel: „Mythen der Gesundheitspolitik“.

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