„Fridays for Future“-Aktivisten protestieren in Berlin für eine wirksamere Klimapolitik.
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„Fridays for Future“-Aktivisten protestieren in Berlin für eine wirksamere Klimapolitik.

VWL mit Wertebezug

Die Klimakrise muss auch unsere Volkswirtschaftlehre verändern 

  • vonLaura Porak
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Die Volkswirtschaftslehre sollte sich vom vermeintlich wertfreien Wissenschaftsmodell verabschieden und nach neuen Lösungen für die Probleme der moderner Gesellschaften suchen.

Seit einem Jahr protestieren junge Menschen für eine wirksamere, an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientierte Klimapolitik. Auch unter Studierenden der Volkswirtschaftslehre werden Rufe nach einer problembezogeneren und lösungsorientierten VWL laut. Jüngst erschien – initiiert vom Netzwerk Plurale Ökonomik und dem internationalen Netzwerk Rethinking Economics – ein internationaler offener Brief im Rahmen der Kampagne „Economists For Future“. Darin werden Ökonom*innen aufgefordert, die Klimakrise als Anlass zu nehmen, die eigene wissenschaftliche Praxis neu auszurichten.

Die Forderungen der Studierenden knüpfen an den Aufruf nach einer transformativen Wirtschaftswissenschaft unter anderem von Uwe Schneidewind an, die nicht mehr affirmativ den Status quo reproduziert, sondern Verantwortung in der Gestaltung von Gesellschaft trägt. Dazu werden fünf Bedingungen formuliert: Transparenz, Reflexivität, Wertebezug, Partizipation und Vielfalt.

Besonders Reflexivität und Wertebezug sind jedoch mit dem Wissenschaftsideal des gegenwärtigen ökonomischen Mainstreams unvereinbar. Jenes orientiert sich am positivistischen, also vermeintlich „wertfreien“, Wissenschaftsmodell und prägt das im Studium vermittelte Wissenschaftsverständnis. So wird gelehrt, die Wirtschaftswissenschaft sei rein beschreibend und könne daher objektive Aussagen treffen. Studierende lernen weder die normativen Annahmen hinter Modellen und Theorien zu erkennen und zu hinterfragen, noch ihr wissenschaftliches Schaffen in Bezug zum eigenen Standpunkt und Werten zu setzen. Doch angesichts der Klimakrise sehen wir es als unerlässlich an, die wissenschaftliche Praxis an Werten wie der Erhaltung der Lebensgrundlagen auszurichten.

Laura Porak ist Mitglied im Netzwerk Plurale Ökonomik e.V.

Neben dem fehlenden Wertebezug mangelt es auch an Reflexivität: Da Forschende sich als das „objektive Außen“ betrachten, verschleiern sie die Einbettung ihrer wissenschaftlichen Praxis in gesellschaftliche Verhältnisse. Gleichzeitig wirkt Wissenschaft auf die Gesellschaft- daher kann erst mit einer Reflexion des eigenen Beitrags zur Verschärfung der Klimakrise das wissenschaftliche Arbeiten überhaupt neu ausgerichtet werden.

Der in dem Aufruf zu einer transformativen Ökonomik enthaltene Entwurf eines neuen Wissenschaftsideals für die VWL mit Wertebezug und Reflexivität ist somit aktuell wie nie zuvor.

Die Autorin ist Mitglied im Netzwerk Plurale Ökonomik e.V.

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