1. Startseite
  2. Wirtschaft
  3. Gastwirtschaft

Gemeinsame Welten

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Thomas Gebauer

Kommentare

Das Abstimmungsverhalten der Länder bei der Verurteilung der russischen Aggression durch die UN-Vollversammlung zeigt, was noch zu leisten ist. Warum enthielten sich so viele Länder Afrikas? Sind es nicht auch die ungerechten, ihnen von Europa aufgezwungenen Handelsabkommen, die sie heute in die Hände Chinas und Russlands treiben?
Das Abstimmungsverhalten der Länder bei der Verurteilung der russischen Aggression durch die UN-Vollversammlung zeigt, was noch zu leisten ist. Warum enthielten sich so viele Länder Afrikas? Sind es nicht auch die ungerechten, ihnen von Europa aufgezwungenen Handelsabkommen, die sie heute in die Hände Chinas und Russlands treiben? © John Lamparski/Imago

Trotz des Krieges in der Ukraine bleibt die Idee einer Weltgemeinschaft aktueller denn je. Die Kolumne „Gastwirtschaft“.

Das mit der Weltgemeinschaft könne man sich abschminken, meinte kürzlich Herfried Münkler mit Blick auf das Versagen des UN-Sicherheitsrats im Krieg Russlands gegen die Ukraine. Das Urteil des Berliner Politikwissenschaftlers ist ebenso richtig wie falsch.

Richtig ist es, wenn wir die Idee einer Weltgemeinschaft am gegenwärtigen Zustand der Vereinten Nationen messen. Dabei sollten wir nicht übersehen, dass in den Gremien der UN nicht die Welt zusammenkommt, sondern Nationalstaaten, darunter mächtige und weniger mächtige, ein paar, die demokratisch konstituiert sind und viele, die autokratisch geführt werden. Sie alle mögen sich hin und wieder zu einem gerechten Frieden bekennen, aber drängen im politischen Alltag auf die Durchsetzung eigennütziger Interessen – und dies nicht erst seit dem völkerrechtwidrigen Überfall Russlands auf die Ukraine.

Falsch ist es, weil auch eine andere Weltgemeinschaft vorstellbar ist. Eine, die statt auf Vormacht auf Ausgleich setzt. So wie es im Wirtschafts-und Sozialrat der Vereinten Nationen angelegt ist, der 1945 gleichrangig mit dem Sicherheitsrat gegründet wurde und über die soziale und wirtschaftliche Entwicklung aller Länder dafür sorgen sollte, dass kriegerischer Gewalt bereits im Vorfeld der Boden entzogen wird.

Falsch ist das Urteil schließlich auch deshalb, weil gerade jetzt deutlich wird, wie nötig eine solche solidarische Weltgemeinschaft ist. Dabei zeigt nicht zuletzt das Abstimmungsverhalten der Länder bei der Verurteilung der russischen Aggression durch die UN-Vollversammlung, was noch zu leisten ist. Warum enthielten sich so viele Länder Afrikas? Sind es nicht auch die ungerechten, ihnen von Europa aufgezwungenen Handelsabkommen, die sie heute in die Hände Chinas und Russlands treiben? Von wo sie sich die Unterstützung erhoffen, die ihnen Europa verweigert?

Wenn aus dem gegenwärtigen Krieg die Lehren zu ziehen sein werden, dann auch diese. Nicht um ein „Abschminken der Weltgemeinschaft“ muss es gehen, sondern um deren überfällige Schaffung. Die Idee „gemeinsamer Welten“, die von wechselseitiger Anerkennung und der Überzeugung getragen wird, dass sich Zukunft nicht auf Konkurrenz und partikularer Vorteilsnahme, sondern auf Ausgleich gründet, mag im Augenblick utopisch erscheinen, ist aber aktueller denn je.

Thomas Gebauer, langjähriger Geschäftsführer von Medico international, lebt heute als freier Publizist in Frankfurt.

Auch interessant

Kommentare