Ob man allerdings Existenzsicherung gegen obszöne Kapitalgewinne in Krisenzeiten aufrechnen sollte, mag jeder für sich selbst entscheiden.
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Ob man Existenzsicherung gegen obszöne Kapitalgewinne in Krisenzeiten aufrechnen sollte, mag jeder für sich selbst entscheiden.

Gastwirtschaft

Geld ist nicht neutral!

  • Rainer Voss
    vonRainer Voss
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Die expansive EZB-Politik führt zu Verteilungsungleichgewichten. Die Gastwirtschaft.

Kritiker der inzwischen seit zehn Jahren andauernden expansiven Geldpolitik mahnen oft an, dass das Inflationsziel im Sinne des Verbraucherpreisindex verfehlt werde, sich aber Preisblasen in den Kapital- und Immobilienmärkten aufbauen. Dadurch entsteht der Eindruck, dass die Akteure des Finanzsystems, also Banken, Hedgefonds und so weiter von den geldpolitischen Lockerungen profitieren, während die eigentlichen Adressaten – die Bürger – außen vor bleiben.

Die EZB kontert mit dem Argument, die Stützung der Wirtschaft habe Tausende von Arbeitsplätzen gerettet. Ob man allerdings Existenzsicherung gegen obszöne Kapitalgewinne in Krisenzeiten aufrechnen sollte, mag jeder für sich selbst entscheiden.

Die ganze Diskussion ist nicht neu: Bereits im 18. Jahrhundert beschrieb der französische Banker Richard Cantillon, wie das Drucken von Geld über Preisverzerrungen zu Verteilungsungleichgewichten führt. Der nach ihm benannte Cantillon-Effekt beruht auf der Hypothese, dass je näher man der Institution ist, die die Geldproduktion kontrolliert, desto mehr von einer Ausweitung der Geldmenge profitiert. Der Grund dafür liegt in der Zeitspanne, die das neue Geld braucht, um vom Erzeuger – der Notenbank – zum Endverbraucher – dem Bürger – zu gelangen. Zuerst landet das Geld im Bankensystem, von dem man sich den Weitertransport in die Wirtschaft auf dem Wege der Kreditvergabe erhofft. Wie viel davon letztendlich seinen Weg in die Produktivwirtschaft findet, liegt jedoch in der Entscheidungssphäre der Banken. Schaut man sich die deflationäre Preisentwicklung und gleichzeitig die boomenden Märkte für Vermögenswerte aller Art an, könnte man mit Cantillon schließen, dass im Prozess Gelder für den Aufkauf von Finanzwerten verwandt werden und so das erklärte Ziel der Notenbank, für Inflation zu sorgen, konterkariert wird.

Um diese unerwünschten Verteilungseffekte der Zentralbankinterventionen zu korrigieren gibt es zwei Lösung: die „Armen“ reicher machen, und/oder die „Reichen“ ärmer! Ob und wie dies geschieht liegt außerhalb des Mandats einer Zentralbank und muss im demokratischen Diskurs erörtert werden. Klar ist jedenfalls, dass Geld nicht neutral ist, wie manche Ökonomen behaupten; geldpolitische Maßnahmen zeitigen Wirkungen, die nur im Zusammenspiel mit der Fiskalpolitik zu mitigieren sind.

Rainer Voss ist ehemaliger Investmentbanker und Protagonist des Dokumentarfilmes „Master of the Universe“.

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