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Gefangen in der Freiheit

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Von: Andreas Bangemann

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Horror in bonbonfarbener Kinderspielwelt: Die Netflix-Serie „Squid Game“ wirft ein Licht auf das System Kapitalismus und seine unvermeidlichen Auswirkungen.
Horror in bonbonfarbener Kinderspielwelt: Die Netflix-Serie „Squid Game“ wirft ein Licht auf das System Kapitalismus und seine unvermeidlichen Auswirkungen. © Noh Juhan/dpa

Wenn Schulden zum ausweglosen Drama werden. Die Kolumne „Gastwirtschaft“.

Weißt Du, was die Gemeinsamkeit zwischen jemandem ohne Geld und zu viel Geld ist? Das Leben macht einfach keinen Spaß. Und wenn man zu viel Geld hat, kann man so viel kaufen, essen und trinken, wie man will. Aber irgendwann wird es langweilig.“

Wenn Menschen ohne Geld auch noch mit hohen, für sie kaum je rückzahlbaren Schulden belastet sind, kann das zum ausweglosen Drama werden. Eine Lebenswelt, die Verhaltensweisen bei Einzelnen offenbart, die jenseits der Vorstellungskraft von Leuten liegen, die in vermeintlich „geordneten Verhältnissen“ leben.

Die einleitenden Sätze stammen aus der koreanischen Drama-Netflixserie „Squid Game“. Darin werden wegen ihrer immensen Schulden verzweifelte Erwachsene in einen Spielreigen gelockt, der ihnen das Ende all ihrer Sorgen durch einen enormen Geldgewinn verspricht. Um daran zu gelangen, müssen die Teilnehmenden tödliche Spiele überstehen, die alle noch aus ihren Kindertagen kennen.

Die Serie wirft ein Licht auf das System Kapitalismus und seine unvermeidlichen Auswirkungen. Die gezeigte Brutalität, die dazu führt, dass man Squid Game der Kategorie „Horror“ zuordnet, wird in eine bonbonfarbene Kinderspielwelt getaucht. Während „An der schönen blauen Donau“ erklingt, führt man die Mitspielenden zum nächsten todbringenden Spiel. Sie durchlaufen dabei labyrinthartige Gänge und erklimmen Stufen, die an Eschers optische Täuschungen erinnern.

Johann Strauß schrieb das Musikstück 1866 für den Wiener Männergesangverein. Zugrunde lag die Idee, die Einstellung der Bevölkerung gegenüber dem österreichisch-preußischen Krieg zu verbessern. Ein Krieg, in dem viele Menschen ihr Leben ließen.

Die Serie entlarvt die vermeintliche Freiheit innerhalb eines Systems als verlogen, das zwangsläufig Reichtums- und Armutsextreme erzeugt. Man wird zu nichts gezwungen, außer zur Einhaltung der Regeln. Sich ihnen zu widersetzen, kann tödlich enden. Sie infrage zu stellen oder andere einzufordern, liegt für die Verarmten mangels Macht jenseits ihrer Möglichkeiten.

Was bleibt, ist die Freiheit, das Spiel zu gewinnen oder aus ihm auszusteigen. Letzteres führt ins Abseits jeglichen gesellschaftlichen Lebens. Und so stellt einer der Darsteller zum Schluss die Frage an den Hauptgewinner: „Glaubst Du immer noch an die Menschen?“

Der Autor ist Chefredakteur der Zeitschrift „Humane Wirtschaft“.

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