Sollte es wirklich zutreffen, dass wir in einer Gesellschaft leben, bei der Menschlichkeit, Fürsorge und Solidarität im Zentrum stehen?
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Sollte es wirklich zutreffen, dass wir in einer Gesellschaft leben, bei der Menschlichkeit, Fürsorge und Solidarität im Zentrum stehen?

Gastwirtschaft

Fürsorge im Zentrum

Worum es einer humanen Wirtschaft gehen muss. Die Wirtschaftskolumne „Gastwirtschaft“ von Manuel Schulz.

Als neoklassisch geschulter Ökonom rieb ich mir im Frühjahr dieses Jahres irritiert die Augen: Sollte es wirklich zutreffen, dass wir in einer Gesellschaft leben, bei der Menschlichkeit, Fürsorge und Solidarität im Zentrum stehen? So schien es zumindest, als Olaf Scholz und Horst Seehofer zu Beginn der Corona-Krise unisono eine normative Rangfolge proklamierten, bei welcher der Schutz von Menschenleben zweifelsfrei vor ökonomischen Erwägungen stehe. Diese humanistische Grundeinsicht, die eigentlich das Fundament aufgeklärter Gesellschaften bilden sollte, hatte man lange nicht vernommen – ruft sie doch heutzutage allzu schnell den Verdacht linksgerichteter Ideologie hervor.

Im Prinzip könnte dies jeden Ökonomen und jede Ökonomin kalt lassen. Denn eine derart an gesellschaftlichen Normen ausgerichtete Grundverankerung, so lernt man im Studium der Volkswirtschaftslehre, sei ein Störfaktor für „objektive“ Erkenntnis. Menschenleben hin oder her, die mathematische Klarheit modellierter „Werturteilsfreiheit“ dürfe nicht durch solch normative Einflüsse befleckt werden. In engelsgleicher Selbstentpolitisierung solle man sich nur mit der alternativen Verwendung knapper Ressourcen unter Berücksichtigung von Effizienzkriterien beschäftigen.

Wenn wir aber tatsächlich eine normative Grundhaltung als Gesellschaft haben, bei der die Sicherung von Menschenleben Vorrang gegenüber wirtschaftlichen Bewertungskriterien hat, dann kann dies nur zwei Folgen haben: Entweder nähme der Zuständigkeitsbereich der Ökonomik aufgrund dieser normativen Grundhaltung dramatisch ab, oder sie würde sich der gesellschaftspolitischen Herausforderung stellen und menschliche Existenzsicherung zur universellen Grundlage ökonomischer Modellbildung erklären.

In letzterem Falle könnte die Neoklassik als Effizienzwissenschaft eine wichtige Unterfunktion innerhalb einer humanistisch verankerten Ökonomik einnehmen, deren Gesamtausrichtung den Idealen einer aufgeklärten Gesellschaft entspräche. Damit würde man auch zentralen Teilbereichen der Daseinsvorsorge wie Alten-, Kinder- oder Krankenpflege gerecht. Denn es wäre fortan nicht mehr nötig, sie durch die Ausweitung technischer Effizienzlogiken in den Gegenstandsbereich der Ökonomik zu zwingen. Im Gegenteil, menschliche Existenzsicherung würde zum Leitfaden wirtschaftlicher Praxis, ebenso wie deren Erforschung.

Der Autor ist Mitglied im Netzwerk Plurale Ökonomik e.V. .

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