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Früher war Reisen schöner

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Von: Günther Moewes

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Historische Lössnitzgrundbahn: früher war Zugfahren noch etwas Anderes.
Historische Lössnitzgrundbahn: früher war Zugfahren noch etwas Anderes. © Oliver Killig/dpa

Muffige Busse, dunkle Tunnel - was soll das? Die Gastwirtschaft.

Simenons Maigret wartete immer, bis ein alter Bus mit offener Plattform kam. Früher machte sogar Bahnfahren Spaß. Auch Kindern: Offene Landschaft, weiter Blick, Kopf in den Fahrtwind halten. Heute besteigt man eine Art Rohrpost, einen langen, muffig überheizten Schlauch, der wiederum durch einen zweiten Schlauch jagt, durch das „Bahnbegleitgrün“. Ähnelt dem „Autobahnbegleitgrün“. Deren Zweck? Die Reisenden vom Blick in die immer hässlichere Landschaft abzuhalten. Die sollen nicht gucken oder schlafen, sondern den pausenlosen Lautsprecheransagen zuhören.

Die Bahnbegleitbäume haben noch eine weitere Funktion: Sie fallen bei Schnee und Sturm auf Oberleitungen und Gleise und bescheren zigtausend Pendlern heimelige Freizeit auf Bahnsteigen und in Bahnhofshallen. Und neue Arbeit: Abtransport liegen gebliebener Fahrgäste und Bäume und Kontrollbefahren der Strecke.

Auch auf eine Fahrt mit der Fähre freute man sich früher. Das ließ den Tempo-Nerds keine Ruhe. Flugs erfanden sie die maximale Steigerung des Schlauchs: Den Tunnel. Statt mit der Gotthardbahn auf Viadukten durch Berge zu fahren, statt auf Fähren nach Dover zu schippern, saust man durch 50 km lange, schwarze Röhren. Ohne Bäume und Wetter. Die Verödung der Erlebniswelten spare Zeit für den Urlaub ein. Das schaffe trotz zweistelliger Milliardenkosten Anrecht auf Arbeit und Einkommen.

Wie sehen Leute aus, die so was denken? Warum nicht endlich die Bahn-Bäume fällen zugunsten von Büschen? Die fallen nicht auf die Gleise. Die Bahnbeamten könnten per Holzhandel die Holzpreise drücken und ihr Leben bekäme einen Sinn. Wenigstens die Kinder von damals geben ihrer heute eingesparten Zeit ein wenig Sinn: Sie gucken im TV „Eisenbahnromantik“, bauen Modellbahnen und planen Urlaub mit Brockenbahn oder Glacier-Express. Wenn Rückschritt herrscht, ist Nostalgie Fortschritt.

Physiker erklären uns, warum es in der Physik seit Einstein keine lineare Zeit mehr gebe. Der einzige Beweis für einen Zeitfortschritt sei in der Biologie die Evolution und in der Physik die „Entropie“, die unumkehrbare Reise aus der Ordnung in die ewige Unordnung, in den Klimawandel. Diese Definition von „Fortschritt“ haben die Tempo-Ökonomen beflissen übernommen.

Der Autor ist emeritierter Professor für Industrialisierung und Verteilungs- und Wachstumskritiker.

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