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Frohes Fest!

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Von: Claudia Cornelsen

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Tafelkunde in Frankfurt am Main.
Tafelkunde in Frankfurt am Main. © Sebastian Gollnow/dpa

Geht es uns wirklich besser, wenn es anderen schlechter geht? Mich schaudert ob der sozialen Kälte in Deutschland. Die Kolumne „Gastwirtschaft“.

In Afrika hungern die Kinder.“ In meiner Kindheit bekam ich diesen Satz zu hören, wenn mir das Essen nicht schmeckte. Jetzt höre ich, wenn jemand über die 19 Grad im Büro jammert, die Mahnung: „In der Ukraine haben sie gar keine Heizung.“ Geht es uns wirklich besser, wenn es anderen schlechter geht? Schmeckt das Essen plötzlich gut und sind die Füße nicht mehr kalt, nur weil es andere noch viel schlimmer trifft?

In der Bürgergeld-Debatte hat die Union mit eben dieser Logik verhindert, dass es den Ärmsten unserer Gesellschaft besser gehen könnte: Damit diejenigen, die „morgens aufstehen und hart arbeiten“, darauf vertrauen können, dass es anderen noch schlechter geht, werden Sanktionen im Sozialsystem beibehalten. Nun wird also ab Januar weiterhin bei Fehlverhalten der ohnehin viel zu niedrige Regelsatz um ein Drittel gekürzt. Statt 502 Euro gibt es dann drei Monate lang nur 351 Euro.

Die Rede ist von Maximalbeträgen. Wer zu zweit lebt, bekommt weniger. Kinder bekommen noch weniger. Haben deswegen andere wirklich mehr? Freuen sich Menschen mehr über ihre Weihnachtsgeschenke, wenn sie wissen, dass andere Menschen keine Geschenke bekommen? Macht es mehr Freude zu schenken, wenn man weiß, dass andere nichts zu verschenken haben?

Bis 2005 wurde zusätzlich zur Sozialhilfe noch ein Weihnachtsbonus ausgezahlt. Damals erschien es unangemessen, den Ärmsten zum Fest nicht etwas mehr zu gönnen als sonst im Jahr. Analog zum Weihnachtsgeld in Firmen gab es auch auf dem Amt einen Zuschlag. Das Fest der Liebe war auch ein Fest finanzieller Barmherzigkeit. Seit Hartz IV ist damit Schluss. Und das wird beim Bürgergeld so bleiben. Geschenke für die Kinder oder ein besonderes Essen sind weder zum eigenen, noch zu Jesu Geburtstag drin.

Um wenigstens einigen Bedürftigen 150 Euro Weihnachtsbonus auszuzahlen, sammelt der Verein Sanktionsfrei Spenden. Rund 31 150 Euro wurden bis jetzt gesammelt. Klingt viel, ist wenig. Denn etwa genau so viele Menschen haben schon um den Weihnachtsbonus gebeten. Geht es der einen Person, die ausgelost wird, deswegen noch besser, weil 149 andere Menschen leer ausgehen? Ich kann das nicht glauben.

Mir verdirbt es den Appetit, wenn ich an den Hunger in der Welt denke. Mich fröstelt angesichts der Brutalität des russischen Krieges und mich schaudert ob der sozialen Kälte hierzulande. Falls es Ihnen anders geht: Frohes Fest!

Die Autorin ist Kommunikationsberaterin.

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