Kleine Kredite sollten ärmere, vom Bankensystem ausgeschlossene Menschen in die Lage versetzen, ihre Geschäftsidee zu verwirklichen und damit den Weg aus der Armut zu gehen.
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Kleine Kredite sollten ärmere, vom Bankensystem ausgeschlossene Menschen in die Lage versetzen, ihre Geschäftsidee zu verwirklichen und damit den Weg aus der Armut zu gehen.

Gastwirtschaft

Freiheit und Sicherheit

Mikrokredite stehen schon länger in der Kritik. Sie haben aber ihre Berechtigung, wenn sie in eine größere Strategie eingebettet werden. Die Kolumne „Gastwirtschaft“, heute von Christoph Sommer.

Wo Covid-19 den Alltag bestimmt, werden Rückzahlungen häufig ausgesetzt oder abgeschrieben. Mikrokreditnehmer, gerne als die Ärmsten der Armen bezeichnet, haben keine Rücklagen, um Corona-Lockdowns und eingeschränkte wirtschaftliche Aktivitäten auszugleichen. Das führt den Mikrofinanzsektor erneut in schwieriges Fahrwasser.

Anfang des Jahrtausends wurden Mikrokredite als vielversprechendes Entwicklungsinstrument gefeiert: Kleine Kredite sollten ärmere, vom Bankensystem ausgeschlossene Menschen befähigen, ihre Geschäftsidee zu verwirklichen und damit den Weg aus der Armut zu gehen. Mit über 200 Millionen Krediten entwickelte sich Mikrofinanz von einem von Nichtregierungsorganisationen dominierten zu einem profitorientierten Sektor.

Aber damit einhergehende Krisen und Überschuldung, die einzelne Kreditnehmer in den Suizid trieben, sorgten bereits vor zehn Jahren für Aufruhr. Auch wurde die armutsreduzierende Wirkung von wissenschaftlicher Seite in Zweifel gerufen: Effekte auf unternehmerische Aktivitäten sind moderat und inkonsistent. Mikrokredite führen nicht zu einer dauerhaften Erhöhung von Einkommen und Konsum, so dass sich keine Verbesserung in Bildung, Gesundheit, Teilhabe von Frauen oder Wohlbefinden einstellt.

Zudem kann ein starker Mikrofinanzsektor den Zugang zu Krediten für erfolgreiche kleine Unternehmen verschlechtern. Für diese Unternehmen sind Mikrokredite zu niedrig, aber höhere Kredite bei Banken nicht verfügbar. Ein starker Mikrofinanzsektor verhindert, dass Banken in diese Kundensegmente vorstoßen und bremst dadurch gerade die erfolgreichen kleinen Unternehmen aus, die wichtige Impulse für die Schaffung von Arbeitsplätzen und die lokale Wirtschaft setzen.

Dennoch haben Mikrokredite ihre Berechtigung, da sie mehr Selbstbestimmung und Sicherheit für ärmere Menschen schaffen. Sie ermöglichen größere Freiheit in der Berufswahl und helfen Einkommensschwankungen auszugleichen. Will Mikrofinanz jedoch die wirtschaftliche Entwicklung effektiv unterstützen, muss es in eine größere Strategie eingebettet werden: Armutsbekämpfung braucht umfassendere Programme, die Mikrofinanzdienstleistungen mit Coaching, Training und einmaligen Zuwendungen flankieren. Und auf nationaler Ebene muss Mikrofinanz besser mit dem konventionellen Finanzsystem verzahnt werden.

Der Autor forscht am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik.

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