Christine Legarde, EZB
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Die EZB-Politik unter Mario Draghis Führung bildete den Preis des Geldes realistischer ab als je zuvor. Bleibt zu hoffen, dass Christine Legarde diese Geldpolitik fortführt.

Gastwirtschaft

Arbeitsloses Geld

  • Andreas Bangemann
    vonAndreas Bangemann
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Wir tun gut daran, nicht auf das Zetermordio derjenigen zu hören, die verzweifelt positive Zinsen zurückfordern. Vielmehr bietet sich die Chance auf eine ungewohnte Welt des Geldes. Die Gastwirtschaft.

Lassen Sie Ihr Geld für sich arbeiten“ steckt in der Krise. Dieser Slogan deutscher Geschäftsbanken wandelt sich aktuell in: „Bei uns macht Ihr arbeitssuchendes Geld die geringsten Verluste.“ Die Wortschöpfung „Verwahrentgeld“ steht bei den Banken für Negativzinsen auf im Guthaben geführte Giro- oder Tagesgeldkonten.

Sündenbock der Finanzexperten ist aber die Europäische Zentralbank. Diese begründet ihre Politik mit enormen Geldvermögensbergen bei Anlegern und die nicht in gleichem Maße vorhandene Nachfrage nach Krediten in der Wirtschaft. Wortführer der Geldanlegerseite sind meist Profis, deren Geschäftsmodell das prozentuale Abzwacken sprudelnder Kapitalgewinne ist. Ein Prozentsatz von Null oder einer Zahl im Minus bietet allerdings keine Chance für Couponschneider.

Die Finanzwelt beharrt darauf, die Europäische Zentralbank erhalte mit ihrer Politik Unternehmen künstlich am Leben, weil sie für Kredite viel zu geringe Zinsen bezahlen müssten. Man befördere damit eine Wirtschaft aus Zombieunternehmen und beeinflusse freies Marktgeschehen. Dahinter steckt die Idee, dass ein Unternehmen nur am Markt bestehen kann, wenn es mit seinem Handeln den Profitinteressen von Kapitalanlegern gerecht wird.

Manches spricht dafür, dass es genau umgekehrt ist. Durch die EZB-Politik unter Mario Draghis Führung bildete das freie Spiel des Marktes den Preis des Geldes realistischer ab als je zuvor, denn die Marktregel lautet: Ein die Nachfrage übersteigendes Angebot senkt die Preise.

Unternehmen gedeihen trotz sinkender Gewinne. Die Investition in ökologisch sinnvolle Projekte „rechnet“ sich, weil die Kapitalkosten sinken. Die EZB nahm den finanzstarken Playern die Macht der gezielten Verknappung des Kapitalangebots. Die Aufkaufprogramme für alle Arten von Wertpapieren sorgten dafür, dass im Fluss bleibt, was früher am Markt beliebig blockiert werden konnte, um höhere Preise zu erzielen.

Wir täten gut daran, nicht auf das Zetermordio der Finanzmarktexperten zu hören, die verzweifelt die Zeiten positiver Zinsen zurückfordern. Vielmehr bietet die Fortdauer dieser Situation die Chance, sich für eine ungewohnte Welt des Geldes zu öffnen. Das Abenteuer niedriger Zinsen führte zu ausgeglichenen öffentlichen Haushalten, geringer Arbeitslosigkeit und einer stabilen Wirtschaft.

Der Autor ist Redakteur der Zeitschrift „Humane Wirtschaft“.

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