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Manchmal ist auch Buddha kopflos.

Gastwirtschaft

Erleuchtete Buddhisten

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Eine Wissenschaft wie eine Religion: Ökonomie.

Ökonomen sind die Buddhisten der Wissenschaft. Wer nur die öffentlichen Debatten zwischen ihnen verfolgt, kann leicht übersehen, dass die Mehrheit trotz einiger Differenzen einen Glauben teilt: Das ökonomische Gleichgewicht in der langen Frist. Nicht nur das Karma bringt unvermeidlichen Ausgleich, sondern auch Angebot und Nachfrage. Die Vorstellung einer äußeren Ordnung führt scheinbar zur inneren Ruhe.

Im Gegensatz dazu stellen Studierende, die den Weg der himmlischen Erleuchtung noch vor sich haben, ausgleichende Tendenzen in der Wirtschaft infrage. Die atemberaubenden Fliehkräfte real existierender Märkte, ob sozial oder ökologisch, würden dagegen sprechen. Aber die Wege der unsichtbaren Hand sind unergründlich. Geduldig lehren ihnen alte, weise Männer das Mantra von Optimierung, Eigennutz und Gleichgewicht. Durch beständige Wiederholung lernt die Gemeinde die Hymnen und erkennt allmählich ihre raum- und zeitlose Wahrheit. So wächst die nächste Generation heran, die den unerleuchteten Massen die frohe Botschaft verkünden darf.

Max Hauser ist Mitglied im Netzwerk Plurale Ökonomik e.V.

Die religiöse Bedeutung des Marktgleichgewichts war dem Moralphilosophen und Aufklärer Adam Smith noch sehr bewusst. Die Begründung einer gesellschaftlichen Ordnung und Harmonie ohne Gott war seine Lebensaufgabe. Von Isaac Newton inspiriert machte er sich ans Werk, die Mechanik der menschlichen Wirtschaft offenzulegen. So entstand das Bild des selbstregulierenden Marktes, in dem selbst die schlimmsten Laster dem gesellschaftlichen Wohle dienen. Von seiner säkularen Theologie bis hin zur neoklassischen Ökonomik zieht sich eine zweihundertjährige Tradition des angewandten Utopismus.

Genug der Mystik. Andere Disziplinen wie die Ökologie haben sich vor Jahrzehnten vom Gleichgewicht verabschiedet. Die Beweislage ist eindeutig: Flora- und Faunabestände fluktuieren ständig, auf Phasen der Ruhe folgen abrupte Veränderungen. Rückkopplungsschleifen erzeugen zyklisches Verhalten. Neue Spezies dringen in Ökosysteme ein und Unangepasste sterben aus. Erinnern Sie diese Beschreibungen entfernt an die Wirtschaft? Gut. Zum Glück finden sich unter dem Namen Komplexitätsökonomik bereits Lehrbücher und Modelle neueren Datums, die die bevorstehende Orientierungslosigkeit auffangen können. Wer dennoch aus dem Gleichgewicht gerät, dem hilft Meditation.

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