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Eine Frage des Willens

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Von: Dierk Hirschel

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Die Aufwertung sozialer Arbeit könnte problemlos durch eine höhere Besteuerung großer Erbschaften finanziert werden.

Viele Eltern wussten in der letzten Woche nicht wohin mit ihrem Nachwuchs. Kindertagesstätten, Kindergärten und Horte blieben geschlossen. Erzieherinnen und Erzieher streikten unter dem Motto „Mehr braucht mehr“. Rund 330 000 Beschäftigte der öffentlichen Sozial- und Erziehungsdienste streiten für eine Aufwertung ihrer Arbeit.

Erzieher und Sozialarbeiterinnen halten unsere Gesellschaft zusammen. Sie fördern die Entwicklung der Kinder, unterstützen Familien und Benachteiligte und ermöglichen Teilhabe. Die Anforderungen an ihre Arbeit haben zugenommen. In der Pandemie müssen die Beschäftigten der Sozial- und Erziehungsdienste mehr arbeiten und sind tagtäglich einem sehr hohen Ansteckungsrisiko ausgesetzt. Erzieherinnen erkrankten häufiger an Corona als Krankenpfleger.

Trotz alledem werden die Beschäftigten in den Kitas, in der Schulsozialarbeit oder in der Behindertenhilfe immer noch deutlich schlechter bezahlt als technische Fachkräfte. In den männerdominierten Ingenieurberufen bekommen Berufseinsteiger monatlich rund 600 Euro mehr Gehalt als studierte Sozialpädagogen. Doch damit nicht genug. Der Arbeitsalltag der Erzieherinnen und Sozialarbeiter ist durch Personalmangel und Überlastung geprägt. Zu viele Kinder und Jugendliche werden von zu wenigen Fachkräften betreut. Darunter leidet die pädagogische Arbeit und die Beschäftigten leiden unter Stress und Burnout. In den Kitas fehlen 173 000 Fachkräfte. Auf fünf freie Stellen in der Sozialarbeit kommt nur eine Arbeitsuchende. Das muss sich ändern.

Die Gewerkschaft Verdi will die sozialen Berufe aufwerten. Deswegen fordert sie in der laufenden Tarifrunde, dass Sozialarbeiter und Erzieherinnen in den Tarifverträgen des öffentlichen Dienstes höher eingruppiert werden sollen. Das Ziel sind höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Die kommunalen Arbeitgeber beziffern die Kosten der gewerkschaftlichen Forderungen auf mindestens eine halbe Milliarde Euro. Das sind Peanuts in Zeiten, wo für die Aufrüstung der Bundeswehr 100 Milliarden mobilisiert werden können. Zudem sind öffentliche Finanzen abhängig von finanz- und steuerpolitischen Entscheidungen. So könnte die Aufwertung sozialer Arbeit problemlos durch eine höhere Besteuerung großer Erbschaften finanziert werden. Alles eine Frage des politischen Willens.

Der Autor ist Chefökonom der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi.

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